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Ist die konfessionelle Wohlfahrtspflege zu weltlich geworden? Auf keinen Fall, sagt Ursula Nothelle-Wildfeuer.
Wann hat die Caritas zu viel Weltliches? Diese Frage begegnete mir nicht nur im Kontext der Fachtagung zu 100 Jahre Caritaswissenschaft an der Universität Freiburg, sondern taucht immer wieder auf, wenn es um die Kirchlichkeit der Caritas geht.
Caritas hat niemals „zu viel Weltliches“, weil ihr Ort – theologisch gesprochen – notwendig mitten in der Welt liegt, nicht außerhalb oder über ihr. Wer Caritas von der Weltlichkeit „reinigen“ will, verfehlt damit genau die Botschaft der Menschwerdung Gottes, aus der sie lebt. Kirche meint nicht eine von der Welt getrennte Sphäre sakraler Innerlichkeit; die Welt ist nicht gefährlicher Ablenkungsraum vom Heil, sondern genau jene geschichtliche Wirklichkeit, in die Christus als Mensch hineingeboren wurde. Inkarnation bedeutet, dass diese konkrete Welt „geadelt“ ist: Sie wird zum Ort der Heilsgeschichte und nicht zu ihrem bloßen Gegenbild.
Kein „Zuviel an Weltlichkeit“ möglich
Die Autorin
Ursula Nothelle-Wildfeuer, Professorin für Christliche Gesellschaftslehre an der Universität Freiburg, beschäftigt sich mit vielfältigen Fragen nach Gerechtigkeit in der Gesellschaft sowie nach der Präsenz und Glaubwürdigkeit der Kirche in der Gesellschaft.
Wenn das ernst genommen wird, kann es in den Einrichtungen konfessioneller Wohlfahrtspflege kein „Zuviel an Weltlichkeit“ geben, sondern nur ein Zuwenig an theologischer Deutung dieser Weltlichkeit. Gerade dort, wo Caritas in hochprofessionalisierten, komplexen und säkularen Kontexten handelt, wird sichtbar, dass Gottes Zuwendung auch die realen Probleme in Pflege, Betreuung und Beratung sowie die sozialen, ökonomischen und politischen Verhältnisse meint – nicht ein davon abgelöstes Jenseits.
Problematisch ist daher nicht, dass Caritas sich in Diskurse von Sozialpolitik, Organisationsentwicklung oder Betriebswirtschaft hineinbegibt, problematisch ist nur, wenn die Vergewisserung der theologischen Tiefendimension in den eigenen Einrichtungen, vor allem aber auch in der Kirche insgesamt zu kurz kommt.
Die Botschaft der Liebe Gottes weitertragen
Die Sorge um die Weltlichkeit von Caritas verrät oft ein überholtes Gegenüber von reiner Kirche hier und kontaminierter Welt dort, in der man sich höchstens taktisch bewegt. Demgegenüber ist kirchliche Caritas gerade darin Kirche, dass sie die Botschaft der Liebe Gottes in dieser Welt bringt – durch ihr Tun.
Nicht die Nähe zur Welt ist gefährlich, sondern die Fluchtbewegung in eine kirchliche Binnenwelt, die die Ambivalenzen der gesellschaftlichen Realität nicht mehr aushält. Wo sich Caritas der Weltlichkeit schämt oder sie nur als unvermeidlichen Preis professioneller Dienstleistung erträgt, verfehlt sie ihr eigenes theologisches Fundament. Wo sie hingegen gerade im „Weltlichen“ die Spur des menschgewordenen Gottes sucht, ist sie nicht weniger, sondern umso mehr Caritas und damit Kirche.
In unseren Gast-Kommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.