Gastkommentar von Albert-Peter Rethmann zum Bedeutungsverlust der Kirche

Caritas macht Kirche glaubwürdig

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Wenn es darum geht, wie die Kirche mit der Coronakrise umgehen soll, geht es oft als Erstes um die Gottesdienste. Albert-Peter Rethmann findet das typisch - und entlarvend zugleich. Mit dem, was Menschen wirklich benötigen, hat das wenig zu tun, sagt der Theologe und Geschäftsführer eines großen Trägers von Kliniken und Sozialeinrichtung in seinem Gast-Kommentar.

Wir stecken auch als Kirche wieder mitten drin in der Coronakrise. Einige hatten im März noch gemeint: Nach dem Ende des Lockdown werden wir schnell wieder zu besseren Zeiten finden. Die weiterhin niedrigen Zahlen der Gottesdienstbesucher zeigen jedoch, dass viele Christen sagen: Es geht auch ganz gut ohne. Quo vadis, Kirche?

In den 90er Jahren wurden Unternehmensberatungen durch Bistümer und Ordinariate gejagt, die dann den Vorschlag gemacht haben, dass sich die christlichen Kirchen auf das sogenannte „Kerngeschäft“ konzentrieren sollten: Gottesdienste, Bibelkreise, Exerzitien… Nicht oder nur nachrangig gemeint waren die Bereiche des „sozialen Engagements“: von der Flüchtlingsarbeit bis hin zu den Einrichtungen des Gesundheitswesens. Die Logik dahinter: Mit der Bibel kennen wir uns aus, das Andere können Fachleute der jeweiligen Bereiche genauso gut wie wir. Nichts gegen Bibelkreise, Gottesdienste und Exerzitien. Im Gegenteil! Aber eine solche Sicht rächt sich. Spätestens jetzt.

Einer der letzten glaubwürdigen Orte

Der Autor
Albert-Peter Rethmann ist Mitglied und Sprecher der Geschäftsführung der Barmherzige Brüder Trier GmbH (BBT). Die BBT-Gruppe gehört mit über 100 Einrichtungen und mehr als 14 000 Mitarbeitenden zu den großen christlichen Trägern von Krankenhäusern und Sozialeinrichtungen in Deutschland. Rethmann stammt aus Greven, war Priester des Bistums Münster und lange Jahre Professor für Theologische Ethik in Chur, Prag und Frankfurt.

Eine Kirche, die nicht versteht, was Menschen benötigen, wird als überflüssig erlebt. Und was Menschen wirklich benötigen, definieren diese Menschen selbst! Das erlebe ich in meinem Berufsalltag in Krankenhäusern und psychiatrischen Einrichtungen, in Seniorenzentren und ambulanten Pflegediensten. Dort, wo Menschen existenziell mit Krankheit und Sterben konfrontiert werden – und darin mit ihren innersten Ängsten und Bedürfnissen. Genau hier ist der erste Ort für Christen, auch der Ort für die Kirche als Institution. Vielleicht einer der letzten Orte, an denen die Kirche als glaubwürdig erlebt wird.

Es irritiert mich deshalb, wenn unsere kirchlichen Krankenhäuser, Sozialeinrichtungen und Seniorenheime nur am Rand als Orte von Kirche wahrgenommen werden – und wir zum Beispiel um halbe Seelsorgestellen kämpfen müssen. Und es freut mich umso mehr, wenn ein Bistum Rottenburg-Stuttgart die Bedeutung kirchlicher Einrichtungen im Bereich der Caritas verstanden hat und Kirchensteuermittel in spürbarem Umfang zur Unterstützung des christlichen Profils dieser Einrichtungen zur Verfügung stellt.

Die Zukunftsfähigkeit der Kirchen entscheidet sich daran, ob sie – ohne eigenes Rekrutierungsinteresse! – glaubwürdig bei den Menschen sind, ihnen zuhören und mit ihnen nach den Antworten auf die Fragen des Lebens suchen – oder schlicht mit ihnen aushalten, wenn es keine menschlichen Antworten mehr gibt und wir nur noch schweigen können.

Die Positionen der Gastkommentare spiegeln nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von „Kirche+Leben“ wider.

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