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Peter Neher im Interview mit Kirche+Leben

Caritas-Präsident: Kinderarmut mit Bildung bekämpfen

Beinahe zwei Millionen Kinder in Deutschland leben in Hartz-IV-Haushalten – nur eine Zahl, die belegt, wie verbreitet Kinderarmut ist. Was ist dagegen zu tun? Fragen an Peter Neher, den Präsidenten des Deutschen Caritasverbands.

Beinahe zwei Millionen Kinder in Deutschland leben in Hartz-IV-Haushalten – nur eine Zahl, die belegt, wie verbreitet Kinderarmut ist. Aus Anlass des Weltkindertags (20.09.2016) und des Studientags der Deutschen Bischofskonferenz zum Thema „Armut und Ausgrenzung“ am Mittwoch (21.09.2016) hat Kirche+Leben mit dem Präsidenten des Deutschen Caritasverbands, Peter Neher, gesprochen.

Kirche+Leben: Herr Neher, laut einer Bertelsmann-Studie nimmt die Kinderarmut in Deutschland zu. Andererseits gibt es Zweifel an dieser These. Wie ist Ihre Einschätzung?

Peter Neher: Die Einschätzung, ob die Kinderarmut zunimmt, hängt von der Datenlage und Auswertungsmethode ab. Aber für mich ist die entscheidende Frage: Wie kann es besser gelingen, Kinderarmut zu bekämpfen? Die Zahl von 1,9 Millionen Kindern von Familien in Bedarfsgemeinschaften – also Hartz IV-Haushalten – bleibt seit Jahren relativ konstant hoch. Die Zahl ist letztlich nicht entscheidend; jedes Kind ist eines zu viel, das sollte nicht der Grund der Debatte sein, sondern die Tatsache, dass es so viele Kinder sind. Darum müssen wir uns des Themas immer wieder annehmen. Wenn ich mich an die Gespräche mit Journalisten in den letzten Jahren erinnere, macht es einen manchmal müde, weil wir immer wieder das Gleiche beraten und diskutieren.

Kirche+Leben: Was ist denn gegen die Kinderarmut zu tun?

Neher: Zum einen muss man finanzielle Dinge angehen. Wir haben erreicht, dass nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts für Kinder ein eigener Hartz IV-Regelsatz berechnet wurde. Bis dahin galten Kinder mehr oder weniger als kleine Erwachsene. Kinder im Wachstumsalter brauchen aber nun mal häufiger neue Kleidung. Es wird Geld benötigt für die Schule, für Klassenfahrten und Sportausrüstung. Daher muss die Regelsatz-Berechnung realitätsnah angeglichen werden. Das Zweite ist der Kinderzuschlag für Familien, deren Eltern allein für sich sorgen können, und der verhindern soll, dass Eltern wegen ihrer Kinder in Hartz IV-Bezug geraten. Dieses System ist nach wie vor kompliziert und ineffektiv. Wenn das reformiert würde, wozu die Caritas schon vor Jahren Vorschläge erarbeitet hat, dann könnten hunderttausende Familien aus der Grundsicherung herauskommen. Aber Geld allein ist nicht die Lösung, so wichtig es auch ist.

Kirche+Leben: Sondern?

Neher: Der entscheidende Ansatz liegt für mich in der Bildung. Es ist inakzeptabel, dass Deutschland immer noch zu den Ländern in Europa gehört, wo die soziale Herkunft so stark über die schulische und berufliche Zukunft der Kinder entscheidet. Es ist nicht hinnehmbar, dass zwei Drittel der Kinder von Eltern mit Abitur aufs Gymnasium gehen, während es bei Kindern von Eltern ohne Abitur nur zehn Prozent sind. Die sind ja nicht von Haus aus dümmer.

Kirche+Leben: Und für die Kleinkinder?

Neher: Da gilt es entsprechend: Wir brauchen gut ausgebildetes und vor allem zahlenmäßig aufgestocktes Fachpersonal für die Kindertagesstätten. Es gibt ja schon die Debatte für die zusätzliche Betreuung von Kindern unter drei Jahren und jetzt auch für die vielen Flüchtlingskinder in den Kindertagesstätten. Da müssen wir für Qualität sorgen. Das Zweite: Schulsozialarbeit trägt dazu bei, gerade Kinder in schwierigen Familiensituationen gut zu erreichen. Wir brauchen eine gute Betreuung in Ganztagsschulen. Auch Lernpatenschaften können hier eine gute Unterstützung leisten. Immerhin haben wir den Abgang der Jugendlichen, die ohne Abschluss die Schule verlassen, in den letzten Jahren von acht auf mittlerweile 5,6 Prozent verringert. Das ist erfreulich, aber die Zahl ist immer noch viel zu hoch. Wir machen eine jährliche Bildungsstudie, um die Situation in den verschieden Regionen Deutschlands zu untersuchen. Entscheidend ist der politische Wille vor Ort, etwas zu tun. Es kann nicht sein, dass so viele Jugendliche die Schule ohne Abschluss verlassen. Da gibt es unterschiedliche Erfolge, aber man sieht: Wenn der Wille da ist, unabhängig von den finanziellen Möglichkeiten einer Kommune, wenn sich die Betroffenen zusammensetzen und überlegen, was sie tun können, dann kann politisch etwas bewegt werden. Dazu gehören auch die frühen Hilfen.

Kirche+Leben: Was ist das?

Peter Neher.Peter Neher. | Foto: pd

Neher: Wir führen dazu derzeit mit dem Katholischen Krankenhausverband in katholischen Geburtskliniken ein Projekt durch. Wir versuchen, mit Paaren und alleinerziehenden Müttern frühzeitig in Kontakt zu kommen, um sie zu ermutigen, Hilfen anzunehmen, damit sie nicht in prekäre Verhältnisse abgleiten. Das ist ein ganzes Bündel an Maßnahmen, bei dem man ansetzen kann und wo es durchaus gelungene Ergebnisse gibt. Aber es ist noch vieles zu tun.

Kirche+Leben: Kinder von Alleinerziehenden sind besonders stark von Kinderarmut betroffen. Wie können sie unterstützt werden?

Neher: In dieser Situation brauchen die Betroffenen, es sind überwiegend Frauen, noch mehr passende Angebote für Teilzeitarbeit. Diese Armut ist weiblich. Zu fragen ist: Wie kann man eine verlässliche Ganztagsbetreuung schaffen – und wie kann es gelingen, dass man die familiären und nachbarschaftlichen Netzwerke stützt? Denn es ist notwendig, dass Alleinerziehende ein verlässliches Netzwerk haben, das nicht allein durch öffentliche Maßnahmen gesichert werden kann. Wie kann es gelingen, dass Freundschaften, Nachbarschaften und Verwandte einspringen? Wenn alles gut läuft, klappt es ja mit der Betreuung – aber wenn ein Kind plötzlich krank wird, kann das zum Riesenthema werden. Das heißt: Es braucht Beziehungsnetze, in denen Alleinerziehende aufgehoben sind und unterstützt werden. Gefragt sind aber auch die Betroffenen, selber rechtzeitig zu investieren in die Gestaltung von Freundschaften und Beziehungen.

Kirche+Leben: Und die Arbeitgeber?

Neher: Auch sie müssen Verständnis haben und Hilfe anbieten. Wir haben zum Beispiel in Freiburg in der Caritas-Zentrale ein Eltern-Kind-Büro, damit in einer schwierigen Phase jemand seine Kinder mitbringen kann. Da sind Arbeitgeber mitgefordert. Auch bei den Kindertagesstätten kann man Alleinerziehenden hilfreiche Maßnahmen anbieten.

Kirche+Leben: Würde es zur Bekämpfung der Kinderarmut helfen, das Kindergeld zu staffeln?

Neher: Das wäre auch eine Möglichkeit. Aber das betrifft letztlich nur wenige Familien, und dazu fehlt der politische Wille. Viel dringlicher ist es, sich umfassend des Themas Kinderarmut anzunehmen. Es reicht überhaupt nicht, dass immer nur große Betriebsamkeit herrscht, wenn wieder eine Studie aufploppt.

Kirche+Leben: Kinderreiche Familien sind oft materiell arm. Muss der Staat noch mehr umverteilen?

Neher: Schon jetzt werden Familien mit mehreren Kindern entsprechend über das Kindergeld unterstützt. Tatsächlich brauchen sie noch mehr Unterstützung. Ich würde das aber nicht allein dem Staat anhängen. Das hat ja auch mit der Kinderfreundlichkeit einer Gesellschaft zu tun. Etwa mit der Frage: Wie bekommen Familien mit drei und mehr Kindern adäquaten Wohnraum, den sie sich leisten können? Sind Vermieter bereit, Familien nicht nur notgedrungen aufzunehmen? Wie reagiert die Öffentlichkeit auf Väter und Mütter, die mit mehreren Kindern unterwegs sind? Es ist erschütternd, was mir die Frau eines Mitarbeiters erzählt hat: Wenn sie mit ihren fünf Kindern auf der Straße unterwegs ist, bekommt sie abschätzige Bemerkungen wie „Die Arme!“ oder „Wie kann man bloß!“ Also: Nicht allein der Staat ist in der Verantwortung; das geht alle an.

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