CARITAS

Der Staat muss nicht alles selbst machen

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Subsidiarität ist ein wichtiges Prinzip der katholischen Soziallehre. Sie kann zu einer gelingenden Gesellschaft beitragen, sagt Christian Germing. 

Am vergangenen Freitag feierte die Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege im Kreis Coesfeld ihr 50-jähriges Bestehen. Dass sie 1976 im Kettelerhaus in Coesfeld gegründet wurde, erscheint programmatisch: Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler machte die soziale Frage zum Thema der Kirche und wurde zum Wegbereiter der katholischen Soziallehre. Der Titel eines Buches von Kardinal Reinhard Marx über Ketteler – „Christ sein heißt politisch sein“ – zeigt, warum sich Caritas und Wohlfahrtsverbände in Debatten einbringen müssen.

Seit 50 Jahren bündeln Arbeiterwohlfahrt, Caritas, Deutsches Rotes Kreuz, Diakonie und Paritätischer im Kreis Coesfeld ihre Kräfte. Sie unterstützen Menschen, vertreten deren Interessen und bringen Erfahrung in politische Entscheidungen ein. Sie verbindet das Engagement für Solidarität, Teilhabe und Gerechtigkeit. Diese Vielfalt stärkt die Demokratie.

Subsidiarität als Grundlage

Der Autor:
Christian Germing ist seit 2018 Vorstand des Caritasverbandes für den Kreis Coesfeld e.V.

Grundlage dieser Zusammenarbeit ist das Prinzip der Subsidiarität. Es gehört zum Kern der katholischen Soziallehre und prägt unseren Sozialstaat. Gleichzeitig wächst die Erwartung, der Staat müsse für jedes Problem selbst eine Lösung bereitstellen. Dabei gerät aus dem Blick, dass unser Gemeinwesen von Familien, Nachbarschaften, Vereinen und Kirchengemeinden lebt. Was Menschen, Initiativen oder Träger leisten können, darf ihnen nicht entzogen werden. Nur da, wo ihre Kräfte nicht ausreichen, muss der Staat unterstützen und Verantwortung übernehmen.

Subsidiarität ist weder staatlicher Rückzug noch Sparmodell. Sie verbindet Eigenverantwortung mit Solidarität. Der Staat muss verlässliche Rahmenbedingungen schaffen und notwendige Leistungen auskömmlich finanzieren. Dazu gehört auch eine Refinanzierung tariflicher Personalkosten. Ohne verlässliche und faire Rahmenbedingungen geraten Träger unter Druck und können ihre Hilfen für die Menschen nicht erbringen.

Staat und Zivilgesellschaft

Kritisch ist auch, wenn Kommunen eigene Angebote aufbauen, obwohl freie Träger die Aufgaben wahrnehmen können. Subsidiarität schützt keine Besitzstände. Sie sichert Vielfalt, Wahlmöglichkeiten und passgenaue Hilfen. Zugleich verpflichtet sie die Verbände, Qualität, Wirtschaftlichkeit und Nähe zu den Menschen dauerhaft zu sichern.

Fünfzig Jahre Zusammenarbeit zeigen: Eine starke Gesellschaft braucht Staat und Zivilgesellschaft. Subsidiarität ordnet diese gemeinsame Verantwortung. Darauf wird es in Zukunft ankommen.

In unseren Gastkommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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