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Bald wird der erste Millenial unter großem Jubel zur Ehre der Altäre erhoben. Warum ein kritischer Blick auf diese Würdigung notwendig ist.
Am Sonntag spricht Papst Leo XIV. Carlo Acutis (1991-2006) in einer feierlichen Messe heilig. Zu der Großveranstaltung erwartet der Vatikan auf dem Petersplatz mehr als 100.000 Besucher. Auch wer sich in der katholischen Ecke der sozialen Medien herumtreibt, entkommt Acutis nicht: Überall prangt das Konterfei des Jugendlichen. In den vergangenen Monaten wurde viel darüber diskutiert, ob Acutis wirklich ein Heiliger sei.
Denn es tut sich ein Spalt zwischen der öffentlichen Figur Acutis und dem realen Teenager Carlo auf. Der vom Dikasterium für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse veröffentlichte Lebenslauf zeichnet das Bild eines Heiligen, der seiner Zeit voraus war. Vermutlich geht er auf die Angaben von Acutis’ Mutter Antonia Salzano zurück. Sie war jahrelang die treibende Kraft hinter der Kanonisation des Jugendlichen.
Eucharistie als „Autobahn zum Himmel“?
Als Spross einer großbürgerlichen Familie mit guten Verbindungen in hohe Kirchenkreise soll Acutis bereits mit sieben Jahren dank einer Sondergenehmigung die Heilige Kommunion empfangen haben. Die tägliche Eucharistie habe die Spiritualität des jungen Acutis besonders geprägt. Wenn er aus schulischen Gründen verhindert gewesen sei, habe er stattdessen die geistliche Kommunion empfangen. „Die Eucharistie ist meine Autobahn zum Himmel!“ lautet ein bekanntes Zitat, das dem Jugendlichen auch vom Vatikan zugeschrieben wird.
Acutis habe deshalb beschlossen, eine Liste der seiner Ansicht nach wichtigsten eucharistischen Wunder für das Internet zusammenzustellen. „Verliebt“ in Jesus, sei der Jugendliche nie müde gewesen, der Welt die „unaussprechliche Freude der Freundschaft mit Gott“ zu verkünden. Deshalb zeige er auch nach seinem Tod Kindern und Jugendlichen, wie in der Eucharistie „Heil zu finden ist, das niemals enttäuscht“.
Freunde aus Schulzeiten an der Mailänder Jesuitenschule „Istituto Leone XIII“ sprechen dagegen anders über Acutis, wie die Wochenzeitung „The Economist“ im März dieses Jahres öffentlich machte. Der Jugendliche sei zwar durchaus religiös gewesen, habe aber nie ausführlich über seinen angeblich tiefen Glauben gesprochen. Eher erinnern sich die Freunde an eine Begeisterung für schnelle Autos, Videospiele und Filme. Nicht zuletzt sei Acutis’ Vorliebe für Comedy bekannt gewesen.
Legendenbildung
Der Schluss liegt nahe, dass sich im Fall von Carlo Acutis die bei Heiligen übliche Legendenbildung in kürzester Zeit verselbstständigte: Auf Basis einiger markanter Stationen konstruierte man sich ein möglichst gottgefälliges Leben. Das Allzumenschliche gerät dabei häufig aus dem Blick. Am Ende wirkt betreffende Person dadurch nicht-menschlich oder gar über-menschlich. Eigentlich weiß die Kirche um diese Gefahr. Unter den Heiligen finden sich nur wenige, die ein wirklich makelloses Leben vorweisen können: Die Versuchung ist bei ihnen immer präsent.
Zudem war es in der Kirche früher üblich, dass einige Zeit vergehen muss, bevor eine Person selig- und schließlich heiliggesprochen werden kann. Im Fall von Acutis dauerte es bis zur Heiligsprechung lediglich 19 Jahre. Das ist fast ein „santo subito“. Zum Vergleich: Der 1944 enthauptete Pazifist und NS-Märtyrer Max Josef Metzger musste 80 Jahre auf seine Seligsprechung warten. Diese Vorsicht hatte auch ihr Gutes. Sie kann verhindern, dass ein junges Leben mit religiösen Sehnsüchten aufgeladen wird, die es bei nüchterner Betrachtung nicht erfüllen kann.