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Wenn kirchliche Hilfsprojekte für den Onlinehandel werben, leiden die Innenstädte

Charity-Shopping im Internet – Einnahmequelle und Zwickmühle für Vereine

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Vor Weihnachten boomt der Online-Handel. Manche Hilfsprojekte verdienen ein wenig daran mit, über sogenannte Charity-Shopping-Portale. Das freut nicht jeden. Denn Amazon und Co. wachsen zumeist auf Kosten des stationären Handels. Der Aktionskreis Pater Beda zum Beispiel weiß um diese Zwickmühle – und sucht einen Kompromiss.

Es gibt auch Kritik. Warum muss ausgerechnet ein kirchlicher Verein auf Einkaufsmöglichkeiten im Internet hinweisen und die Konkurrenz der Geschäfte vor Ort unterstützen? Udo Lohoff kennt solche Vorwürfe. „Ich habe E-Mails bekommen und bin auch schon persönlich angesprochen worden, wie wir so etwas machen können“, sagt der Geschäftsführer des Aktionskreises Pater Beda, der Hilfsprojekte in Brasilien unterstützt.

Udo Lohoff und seine Mitstreiter stecken in einem Interessenkonflikt. Einerseits gehört Bestellen im Internet heute für die meisten zum Standard, in Corona-Zeiten mehr denn je. Andererseits leiden die Läden in den Innenstädten darunter. Udo Lohoff versucht einen Kompromiss: „Wir sagen: Geht zuerst in die örtlichen Geschäfte und kauft da. Aber wenn ihr schon online kauft, dann am besten über diesen Weg.“

Umweg mit Effekt: Amazon Smile oder Gooding.de

„Dieser Weg“ ist nur ein kleiner Umweg, um den der Pater-Beda-Aktionskreis Internet-Käufer schon seit der Adventszeit 2020 bittet. Wenn die schon nicht im Laden vor Ort einkaufen und stattdessen im Netz bestellen, dann doch bitte über einen Link, über den auch Hilfsprojekte des Aktionskreises ein paar Prozente des Verkaufswerts mitverdienen. Entweder beim „Smile“-Angebot des Branchen-Riesen Amazon oder über das Portal „Gooding.de“.

Online shoppen und dabei Gutes tun, und zwar ohne Mehrkosten – mit dieser Möglichkeit werben schon seit Jahren zahlreiche solcher Portale im Netz. Amazon, Ebay, Otto und Co., aber auch Hotelportale, die Deutsche Bahn oder Essens-Lieferdienste sind darauf zu finden. Sie sehen die Listung ihrer Firmen auf den sogenannten Charity-Portalen als Reklame und zahlen bei jedem Kauf einen Prozentsatz des Bestellwerts als Provision an gemeinnützige Projekte oder Einrichtungen. Der Kunde hat davon angeblich keine Nachteile, er kann meist sogar selbst bestimmen, an wen die Spende geht.

Gooding.de: Sechs Millionen Euro in neun Jahren

Der Aktionskreis Pater Beda will damit in diesem Jahr unter anderem Schwimmkurse für arme Kinder in Brasilien finanzieren. Von den für diese Zwecke auf Gooding.de anvisierten 200 Euro, so kann man es auf der Homepage des Unternehmens lesen, waren Anfang Dezember fast die Hälfte zusammen.

Die Idee mit dem Charity-Shopping ist nicht neu und Gooding.de ist auch nicht etwa der Erfinder. Die Plattform bietet das Prinzip aber immerhin schon seit neun Jahren an. Mit mittlerweile mehr als 1.900 Partner-Online-Shops. Bei jeder Bestellung gehen eigenen Angaben zufolge durchschnittlich fünf Prozent der Einkaufssumme an einen der rund 10.100 gelisteten Vereine oder eines der rund 4.100 Projekte. So seien bisher bereits (Anfang Dezember 2021) rund 6 Millionen Euro zusammengekommen. Die Entwicklung dieser Summe wird auf der Internetseite ständig aktualisiert.

Eine neue Form von Öffentlichkeit

Udo Lohoff
Udo Lohoff vom Aktionskreis Pater Beda will auf die Charity-Portale nicht verzichten. | Foto: pd

Die Liste der Charity-Einkaufsportale ist lang. Andere nennen sich „schulengel“, „Clicks4Charity“, „Clever Spenden“ oder „Heroshopping“. Einige haben besondere Schwerpunkte. So nimmt zum Beispiel Schulengel ausschließlich Projekte im Umfeld des Themas Schule im Blick, die anders nicht finanziert werden würden.

Geld sei natürlich wichtig, sagt Pater-Beda-Geschäftsführer Udo Lohoff, auch wenn bisher nur kleine Summen zusammenkamen. Er spricht von 150 bis 200 Euro. Für ihn ist aber noch etwas anderes von Bedeutung. „Es ist auch eine Form von Öffentlichkeit. Da geht es nicht nur um jeden Euro, sondern auch darum, dass man sich an gewissen Sachen im Bereich soziale Medien beteiligt. Wir sehen auch die Chance, neue Leute anzusprechen und uns auf diese Weise bekannt zu machen.“

Amazon Smile gibt nur 0,5 Prozent weiter

Bis 2016 hat auch Amazon mit Charity-Portalen kooperiert, sagt Jörg Wolf, der schon seit der Gründung bei Gooding.de mitarbeitet. Der Branchenriese habe dann aber sein eigenes Spendenportal gegründet: „Amazon Smile“. Das funktioniert im Prinzip ähnlich. Allerdings mit einem deutlichen Unterschied: Amazon gibt lediglich 0,5 Prozent einer Kaufsumme an die gewählte Organisation oder das Projekt weiter. Die Masse sorgt dennoch für große Summen. Laut Amazon-Homepage wurden auf diesem Weg bereits rund 17 Millionen Euro (Anfang Dezember 2021) an gemeinnützige Organisationen ausgezahlt.

Für die kleineren Portale war die eigene Amazon-Charity-Plattform natürlich ein Schlag. Amazon habe bis dahin immerhin für 20 bis 30 Prozent der Prämieneinnahmen gesorgt, sagte Gooding-Geschäftsführer Felix Wassermann damals. Die fehlen vielen Portalen seither. Und zwar auch als Einnahme-Option, um Mitarbeiter und Technik davon zu bezahlen. Denn ein Teil der Prämien gehen an die Portale. In der Standardeinstellung sind es bei Gooding 30 Prozent. Das deckt nach Angaben der GmbH die Kosten und ermöglicht es, das Angebot zu erhalten und zu entwickeln. Auf Wunsch können Kunden diesen Anteil aber reduzieren, bis auf null Prozent.

Pater Beda, Malteser, Adveniat und Co.

Der Pater-Beda-Aktionskreis ist nicht der einzige kirchliche Verein, der über Gooding.de Geld zu erwirtschaften versucht. Unter dem Suchbegriff „Caritas“ finden sich zahlreiche Projekte, auch der Deutsche Caritasverband  ist vertreten. Ähnliches gilt für den BDKJ, die Malteser oder die Pfadfinder. Und auch die Bischöfliche Aktion Adveniat ist vertreten.

Für den Aktionskreis Pater Beda ist die Sache mit den Online-Käufen weiterhin nur ein Weg von mehreren. Gerade erst hat Udo Lohhoff sein Anliegen in der Gastkirche in Recklinghausen vorgestellt. Mit dem Erlös der die diesjährigen „Weihnachtszehnter“-Aktion des Vereins „Solidarisches Handeln Gasthaus“ sollen Hilfsprogramme im brasilianischen Paraiba unterstützt werden. Der Gasthaus-Verein hat dazu aufgerufen, zehn Prozent der geplanten Weihnachtsausgaben dafür zu spenden. Und zwar unabhängig davon, wo man seine Geschenke kauft.

Zahlen:
Die Corona-Pandemie hat das Wachstum des Online-Handels deutlich beschleunigt. Nach den Zahlen des Handelsverbands Deutschland HDE ist der Onlinehandel 2020 um fast 14 Milliarden Euro (23 Prozent) auf 73 Milliarden Euro gewachsen. Marktführer ist Amazon mit 53 Prozent am Gesamtaufkommen. Für das laufende Jahr rechnet der HDE um einen Anstieg auf 85 Milliarden Euro.

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