GESELLSCHAFT

Warum das Christentum in Zeiten voller Polarisierung wichtig bleibt

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Politische Heilsversprechen von den extremen Rändern haben Konjunktur. Wie die christliche Botschaft Orientierung gibt, erklärt Marc Röbel.

„Wo keine Götter sind, walten Gespenster“, schrieb der Dichter Novalis vor über 200 Jahren. Poetisch, ja – und doch verblüffend aktuell. Wenn die Religion verschwindet, bleibt kein neutraler Raum. Andere Mächte füllen die Leere: Ideologien, politische Heilsversprechen, fanatische Überzeugungen – sie alle beanspruchen das, wofür früher Gott stand.

Paul Tillich (1886–1965), einer der bedeutendsten protestantischen Theologen des 20. Jahrhunderts, hat diese Dynamik schon vor Jahrzehnten beschrieben. 1963 hielt er eine Vortragsreihe über die „Irrelevanz und Relevanz der christlichen Botschaft“. Damals stand Tillich auf dem Höhepunkt seiner Wirkung. Dennoch meinte er selbstkritisch: Nach seinem Tod dürfe man alle seine Bücher verbrennen – nur nicht seine Schrift über das „Dämonische“.

Was mit dem „Dämonischen“ gemeint ist

Der Autor
Pfarrer Marc Röbel ist Direktor der Katholischen Akademie Stapelfeld, Leiter der Fachstelle für Pastorale Bildung und Begleitung im Offizialatsbezirk Oldenburg und Privatdozent für Philosophische Grundfragen der Theologie an der Universität Vechta. Für seine Habilitationsschrift wird ihm am 19. April der Tillich-Preis 2026 der Deutschen Paul-Tillich-Gesellschaft verliehen.

Doch was meinte Tillich mit dem „Dämonischen“? Er sprach nicht von übernatürlichen Wesen, sondern von Kräften, die stärker sind als unser eigener guter Wille. Etwas an sich Gutes – ein Ideal, eine Idee und sogar jede Religion – kann sich verselbständigen und zerstörerisch wirken. Nationalismus, Fanatismus, rigide Moralvorstellungen oder Ideologien nennt Tillich „Quasi-Religionen“ – Ersatzgötter, die Menschen im Innersten binden.

Tillich zeigt den anderen Weg: Das Christentum soll ein Raum der Freiheit und Heilung sein – und ein Ort, an dem Menschen den sozialen Dämonien, den Poltergeistern unserer Zeit, begegnen.

Tillichs Botschaft bleibt aktuell

Wie im Film „Poltergeist“ erscheinen diese Kräfte plötzlich, scheinbar aus dem Nichts: Hassbotschaften, Verschwörungsideologien, Fanatismen oder verdrängte Konflikte. Sie wirbeln umher und wirken oft stärker, als wir es kontrollieren können. Tillich lädt uns ein, diese Kräfte zu erkennen, ihre Wirkung zu verstehen – sowohl gesellschaftlich als auch in uns selbst – und ihnen nicht schutzlos ausgeliefert zu sein.

In einer Zeit voller Polarisierung, schneller Bilderfluten und kultureller Umbrüche bleibt Tillichs Botschaft aktuell: Die Relevanz des Christentums liegt nicht in Kirchenmitgliedszahlen, sondern darin, die eigenen Poltergeister zu erkennen und spirituelle Räume zu öffnen, in denen Heilung, Versöhnung und Menschlichkeit möglich sind. Christlich gesehen heißt das: „Accept that you are accepted“ – entdecke, dass du von Gottes unbedingter Liebe angenommen bist. Wer sich selbst so erfährt, kann wirksam werden – und relevant.

In unseren Gast-Kommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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