Interview zu einer Künstler-Corona-Aktion der Pfarrei Liebfrauen

Christoph Tiemann bei Kulturgottesdienst in Recklinghausen

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Am Freitag- und Sonntagabend wird die Kirche in Recklinghausen zur Theaterbühne. Mit den Kulturgottesdiensten lädt die Pfarrei ein, sich „mit Andacht, Literatur, spannender Stimmenvielfalt und Musik auf den Advent“ einzustimmen. Die Gottesdienste werden auf der Facebook-Seite der Pfarrei live gestreamt. Der leitende Pfarrer Hanno Rother hatte für einen Kommentar auf „Kirche-und-Leben.de“ viel Zuspruch erhalten. Dort hatte er vorgeschlagen, Künstler, die durch den Corona-Lockdown mit drastischen Einnahmeeinbußen zu kämpfen hätten, durch Auftritte im Gottesdienst zu unterstützen. Am ersten Adventswochenende ist nun Christoph Tiemann, bekannt als WDR-Restaurant-Tester, mit dem „Theater ex libris“ in Recklinghausen zu Gast.

Herr Tiemann, wie sieht es derzeit beruflich bei Ihnen aus? Wie ist die Auftragslage?

Danke der Nachfrage. Ich komme persönlich noch ganz gut zurecht, weil ich durch meine Engagements im Fernsehen einige Rücklagen bilden konnte. Das gilt aber nicht im gleichen Maß für meine Kolleginnen und Kollegen. Allein für das „Theater ex libris“ sind in diesem Jahr über 50 Vorstellungen ausgefallen und nicht alle können ins nächste Jahr verschoben werden. Die Sprecher*innen, Musiker und Techniker, die für „Theater ex libris“ arbeiten, sind aber auch noch in anderen Ensembles und Projekten aktiv, bei denen ebenfalls ein Großteil der Veranstaltungen ausgefallen ist.

Abgesehen von den wirtschaftlichen Einbußen macht uns allerdings auch sehr zu schaffen, dass wir kaum Gelegenheiten finden, mit dem Publikum in Kontakt zu treten, dass wir unseren Beruf gerade nicht leben können.  

Wie geht es Ihnen damit?

Christoph Tiemann ist einem großen Publikum als Restauranttester in der Reihe „Tiemann testet“ in der WDR-Lokalzeit Münsterland bekannt. Zudem war Tiemann als Schauspieler in Produktionen der Theater in Münster und Oberhausen zu sehen und schreibt unter anderem eigene Theaterstücke, Hörspiele und Radiofeatures.

Es ist eine stressige, unruhige Zeit. Einerseits haben wir durch die Absage und Verschiebungen von Veranstaltungen einen erhöhten Arbeitsaufwand bei ausbleibenden Gagen. Andererseits versuche ich, die Verluste durch längere Arbeitszeiten im Radio wieder auszugleichen. Vor allem aber bewegt mich die Sorge um vielen Kolleginnen, Kollegen und Kulturorte, die diese Krise vielleicht nicht überstehen werden, wenn ihnen nicht bald geholfen wird.   

Wie kam es zu dem Arrangement mit der Kirche in Recklinghausen?

Das „Theater ex libris“ ist als Ensemble ohne festes Haus viel unterwegs. Einer unserer wichtigsten Spielorte ist die Jugendburg Gemen. Pfarrer Hanno Rother war dort Burgkaplan, bis er seine Stelle in der Pfarrei Liebfrauen in Recklinghausen antrat. Er hat uns außerdem bei der Übertragung von Livestreams unterstützt – so konnten wir während der Lockdowns trotzdem Kultur zu den Menschen bringen. Mit den Gottesdienstlesungen waren wir auch schon in anderen Kirchen zu Gast, zum Beispiel in der Heilig-Geist-Kirche in Münster und an verschiedenen Gemeinden im Bistum Osnabrück.

Was erwartet die Gottesdienstbesucher?

Wir präsentieren eine Geschichte von Oscar Wilde, die hervorragend in den Gottesdienst passt, denn sie enthält eine ungemein christliche Botschaft, wie man sie bei Oscar Wilde vielleicht nicht vermutet hätte. Wie für das „Theater ex libris“ typisch, wird die Geschichte durch mehrere Sprecher*innen und Livemusik sehr lebendig – nur unseren Geräuschemacher lassen wir zuhause.

Welchen Bezug haben Sie zur katholischen Kirche?

Wie bei vielen Kolleginnen und Kollegen fanden auch meine ersten Gehversuche auf der Bühne in kirchlichen Zusammenhängen statt: Ich habe früher viele Jugendgruppen und Ferienlager begleitet und habe dabei auch meinen Hang zu Show und Theater entdecken können.

Noch heute spielen die Themen Religion und Kirche in meiner künstlerischen Arbeit eine große Rolle: Die Kollegen Markus von Hagen und Urs von Wulfen – auch beide Akteure bei „Theater ex libris“ – und ich bilden das Trio „3Uneinigkeit“ – wir machen Kabarett über Kirche und Theologie.

Künstler in Kirchen – ist das ein Tropfen auf den heißen Stein, oder hat das Modellcharakter in dieser Zeit?

Es ist ein sehr wohltuender Schluck Wasser auf einer langen Durststrecke, deren Ende für uns noch nicht in Sicht ist. Daher sind wir sehr froh, wenn uns auf dem Weg noch weitere Oasen dieser Art begegnen. Aber wir müssen noch durch den Rest der Wüste durch.

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