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Irmgard Rolfes vom Kreuzbund Garrel schreibt wöchentlich Briefe an die Mitglieder

Corona-Post gegen Alkohol-Sucht

  • Weil sich ihre Kreuzbundgruppe derzeit nicht treffen kann, schreibt Leiterin Irmgard Rolfes jedem der alkoholkranken Mitglieder einmal pro Woche Corona-Post.
  • Insgesamt 400 Karten und Briefe hat sie schon abgeschickt, um sie vor Rückfällen zu bewahren.
  • Der rückläufige Umsatz deutscher Brauereien beruhigt sie nicht, der Lockdown berge für Gefährdete ein hohes Suchtrisiko.
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Ihr Telefon steht nicht still. „Da möchte erst dieser noch ein Gespräch und dann jener.“ Manche Anrufer kennt Irmgard Rolfes gar nicht. „Alkoholkranke aus entfernteren Orten, die akut Hilfe suchen und dafür lieber mit jemandem von außerhalb sprechen wollen.“

Die ehrenamtliche Leiterin der Kreuzbundgruppe im oldenburgischen Garrel (Kreis Cloppenburg) sagt da nicht Nein. Sie hat schließlich vor Augen, wie schwierig während des Corona-Lockdowns die Lage für Akoholkranke ist. Und sie weiß, wie wichtig Gespräche sind. „Reden, reden, reden – darauf kommt es an. Und Kontakt halten.“ Für akute Fälle, aber ebenso für die Betroffenen in ihrer Gruppe.

Gruppenabende fallen aus

Wie aber soll das während des Lockdowns gehen in dem katholischen Suchthilfe-Verband, für den wöchentliche Treffen fest zum Konzept gehören? Wo sich Betroffene mit ihren Erfahrungen gegenseitig stärken? „Sie haben es auf jeden Fall im Moment sehr schwer“, sagt die 66-Jährige achselzuckend. Die montäglichen Gruppenabende im Garreler Pfarrheim etwa könnten derzeit nicht stattfinden. „Das fehlt mir selbst ja auch. Und WhatsApp ist kein vollwertiger Ersatz.“

Deshalb ruft Irmgard Rolfes derzeit jeden Einzelnen regelmäßig an, um Mut zu machen. Und sie hat einen weiteren Weg gefunden, ihren Gruppenmitgliedern ein gutes Gefühl in der schwierigen Zeit zu verschaffen: Zusätzlich schreibt sie jedem jede Woche persönliche, handgeschriebene Briefe und Mutmach-Karten. „Insgesamt waren es in der Corona-Zeit schon 400 solcher Karten und Briefe“, sagt sie.

Schon 400 Karten und Briefe

„Viele sind ganz platt und bedanken sich ausdrücklich“, sagt Irmgard Rolfes, die für jedes ihrer Schreiben passende Grußkarten aussucht. Die kauft sie regelmäßig nach. Wo immer sie die Möglichkeit hat, macht sie sich auf die Suche nach Motiven. Mittlerweile hat sie zu Hause drei Schuhkartons voll, aus denen sie auswählen kann.

Aus den Reaktionen weiß sie, wie gut die wöchentliche Post den Betroffenen tun. Manche schreiben auch zurück. So wie der 38-jährige Patient, der seit fünf Monaten in der Suchtklinik ist und mit dem sie in engem Austausch steht. „Er ist so gut zufrieden und schreibt mir jeden Tag, wie sehr ihm das Aufschwung gibt, dass ich an ihn denke.“

Sie rechnet wegen Corona mit mehr Alkoholkranken

Die Rentnerin versucht mit Anrufen und Briefen auch, Rückfälle zu verhindern. Nicht immer funktioniert das. Gerade erst war wieder eine Frau aus ihrer Gruppe bei ihr. Unter Tränen habe sie berichtet, dass sie wieder zur Flasche gegriffen habe. „Ganz klar ein coronabedingter Rückfall“, meint Irmgard Rolfes. „Die Frau kann wegen Corona derzeit nicht arbeiten, ihr Mann auch nicht. Da kommt es schnell dazu.“

Irmgard Rolfes ist sich sicher: Die Corona-Pandemie wird zu noch mehr Alkoholkranken führen. Da interessieren sie auch Meldungen über rückläufigen Bierabsatz nur wenig. Etwa, dass die deutschen Brauereien laut Statistischem Bundesamt im ersten Halbjahr 2020 fast 300 Millionen Liter oder sieben Prozent weniger Bier verkauft haben als im Vorjahreszeitraum: „Über die Not von Betroffenen sagt so etwas wenig aus.“

Trinken, weil sie eingesperrt sind

Dass sie solche Meldungen nicht beruhigen können, das hat mit der Wahrnehmung der früheren Verkäuferin zu tun und mit dem, was sie in den Gesprächen mit Betroffenen hört. Ihre Wahrnehmung – dazu gehören zum Beispiel Menschen, denen sie schon frühmorgens mit einem Sechserpack Bier auf der Straße begegnet. „Mehr als sonst“, sagt sie.

Aus ihren Gesprächen weiß sie „dass viele in ihren Wohnungen eingesperrt leben, aufeinander hocken und sich gegenseitig auf die Nerven gehen. Vielleicht auch, weil die Arbeit fehlt. Und Alkohol ist ja überall zu kriegen.“ Deshalb ist sie sich sicher: „Die Arbeit wird noch auf uns zu kommen. Weil viele irgendwann Hilfe benötigen.“

Ihr Beispiel soll anderen Mut machen

Irmgard Rolfes selbst hat vor 17 Jahren mit dem Alkohol abgeschlossen. Sie lacht. „Zwei Flaschen Wodka am Tag waren nichts.“ Mit ihrem eigenen Beispiel will sie Mut machen. „Eine Chance hat jeder. Und jeder Tag ohne Alkohol ist ein Gewinn.“

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