KIRCHE+LEBEN EXKLUSIV

DBK-Queerbeauftragter nach CSD-Anschlag: Kirchen müssen sichere Orte sein

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Eine Woche nach dem Anschlag in Berlin zeigt sich der DBK-Queerbeauftragte Schepers selbstkritisch. Kirche+Leben dokumentiert sein Statement.

Der Essener Weihbischof Ludger Schepers ist Queerbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz. Auch Tage nach den erschütternden Ereignissen beim Christopher Street Day“ in Berlin zeigt er sich tief bewegt. Gegenüber Kirche+Leben erklärt Schepers, er wolle ein Zeichen für Menschenwürde, Zusammenhalt und Verantwortung setzen. Die Stellungnahme, die Kirche+Leben exklusiv vorliegt, wird hier im Wortlaut dokumentiert:

Ludger Schepers zum CSD-Anschlag in Berlin

„Der Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day nimmt uns in die Pflicht, Konsequenzen zu ziehen. Wer die Würde des Menschen verteidigt, darf sich nicht darauf beschränken, Gewalt lediglich zu verurteilen. Wir müssen aktiv dafür sorgen, dass Menschen Räume finden, in denen sie ohne Angst leben, glauben und Gemeinschaft erfahren können. Gerade die christlichen Kirchen stehen hier in einer besonderen Verantwortung.

Als Queerbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz treibt mich eine Frage ganz besonders um: Sind unsere Gemeinden für queere Menschen tatsächlich jene sicheren Orte, zu denen uns das Evangelium verpflichtet?

Kirche muss Zuflucht bieten

Jesus Christus hat Menschen nicht ausgegrenzt, sondern sie in ihrer Würde aufgerichtet. Er hat Gemeinschaft gestiftet, wo andere Grenzen zogen. Seine Botschaft ist ein Evangelium der Freiheit, der Versöhnung und der unbedingten Liebe Gottes. Daraus erwächst für die Kirche ein klarer Auftrag: Unsere Gemeinden müssen Orte sein, an denen jede Person willkommen ist und die unverlierbare Würde erfährt, die Gott ihr geschenkt hat. Niemand darf jemals fürchten müssen, wegen der eigenen sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität auf Vorurteile, Misstrauen oder Ablehnung zu stoßen.

Wenn Kirche das Sakrament der Gegenwart Gottes in der Welt sein will, muss sie erst recht dort Zuflucht bieten, wo die Würde von Menschen bedroht oder infrage gestellt wird. Ein Safe Space ist weder eine Modeerscheinung noch ein Zugeständnis an den Zeitgeist – er ist die unmittelbare Konsequenz des Evangeliums. Denn wo Christus Menschen begegnet, dürfen Angst, Ausgrenzung und Abwertung keinen Platz mehr haben.

Schepers: Jeder Mensch hat unveräußerliche Würde

Wir müssen selbstkritisch eingestehen: Die Kirche war für queere Menschen nicht immer ein sicherer Ort. Zu oft wurden einzelne Bibelstellen aus ihrem heilsgeschichtlichen Zusammenhang gelöst und gegen Menschen in Stellung gebracht. Wo das Evangelium der Befreiung zu einem Instrument der Ausgrenzung wird, widerspricht die Kirche ihrem eigenen Auftrag. So ist ein schmerzlicher Widerspruch entstanden zwischen der Botschaft von der unbedingten Liebe Gottes und der Erfahrung vieler queerer Menschen in unseren Gemeinden. Dieser Widerspruch darf nicht bestehen bleiben. Er fordert uns zur Umkehr heraus.

Gerade in Teilen der Weltkirche erleben wir, dass queere Menschen nicht nur gesellschaftlicher Ausgrenzung ausgesetzt sind, sondern diese Haltung auch durch kirchliche Stimmen verstärkt wird. Das gilt insbesondere dort, wo Homophobie tief in den kulturellen und politischen Kontexten verwurzelt ist. Die Kirche darf sich niemals von kultureller Homophobie prägen lassen, sondern allein vom Evangelium Jesu Christi. Denn das Evangelium spricht jedem Menschen seine unveräußerliche Würde zu und ruft die Kirche dazu auf, Schutzraum für die Schwachen, Zuflucht für die Bedrängten und Heimat für alle zu sein.

Bloße Solidarität reicht nicht aus

Die Ereignisse in Berlin führen uns vor Augen, wohin Menschenfeindlichkeit führt, wenn Hass und Ausgrenzung Raum gegeben wird. Gerade deshalb reicht bloße Solidarität nicht aus. Unsere Haltung muss sich im konkreten Handeln erweisen: in einer Sprache, die achtet statt zu verletzen; in Gemeinden, die Türen öffnen statt Schranken zu errichten; und in einer Seelsorge, die Menschen schützend begleitet, statt sie vorschnell zu beurteilen.

Die Frage darf daher nicht lauten, ob unsere Gemeinden sichere Orte für queere Menschen sein sollen – sondern wie wir diesem Anspruch von Tag zu Tag glaubwürdiger gerecht werden. Daran misst sich die Überzeugungskraft unseres kirchlichen Zeugnisses. Daran entscheidet sich, ob Menschen in unseren Gemeinden etwas von der befreienden und heilenden Liebe Gottes spüren können.

Der Anschlag auf den CSD erinnert uns daran, dass Menschenwürde im Alltag immer wieder verteidigt werden muss. Als Christinnen und Christen dürfen wir uns niemals damit abfinden, dass Menschen aufgrund ihrer Identität in Angst leben müssen. Unsere Antwort muss eine Kirche sein, die zum Zufluchtsort wird – ein Ort, an dem queere Menschen Schutz, echte Anerkennung und eine geistliche Heimat finden. Das Evangelium lädt alle Menschen ein. Es liegt an uns, diese Einladung in unseren Gemeinden spürbar werden zu lassen.“

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