HOMOSEXUALITÄT

Nach dem CSD-Attentat von Berlin: Wer bedroht hier wen?

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Seit wieder mehr „so etwas“ nicht sehen wollen, ist es für Queere umso wichtiger, gesehen zu werden. Auch von Bischöfen, meint unser Chefredakteur.

Wenn Menschen nicht gesehen werden in dem, was sie zutiefst ausmacht, was anzunehmen sie selber nicht selten viel Kraft, Mut, Leid und Trauer gekostet hat, dann kann dieses Übersehen-Werden neue, tiefe Wunden schlagen. Die meisten von denen, die am vergangenen Wochenende in Berlin und in diesen Tagen auch in anderen großen und kleinen Städten am Christopher-Street-Day teilnehmen, könnten Klagelieder über die Verletzungen und Narben ihres Lebens singen.

Doch die Kultur dieses Festes klingt nach dem genauen Gegenteil, nach Lebensfreude, Herzlichkeit, Liebe, Gemeinschaft, Frieden. Manches dabei ist schrill, laut, bonbonbunt. Und, ja, manche schlagen über die Stränge.

Minderheiten werden verfolgt

Wie auch immer: Party, Parade, Provokation – in all dem zeigen sich queere Menschen öffentlich in einem Land, zu dessen Kern diese Freiheit gehört. Allerdings in Zeiten, in denen wieder mehr Menschen „so etwas“ nicht sehen wollen. Und die genau das unverblümt und nicht selten aggressiv kundtun (allem Gerede zum Trotz, man dürfe ja heute seine Meinung nicht mehr sagen).

Wie auch andere Minderheiten in unserem Land sind queere Menschen in der deutschen Geschichte verfolgt, in Konzentrationslagern weggesperrt und umgebracht worden. Noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein waren sie von Strafverfolgung bedroht. Als in den Achtzigerjahren Aids ausbrach und Tausende daran starben, erreichte die gesellschaftliche und kirchliche Ächtung unvorstellbare Massivität. Queere Menschen wurden gesehen – als Bedrohung.

Queere Menschen müssen gesehen werden

Und sie werden es wieder. Zum Beispiel von Islamisten. Zum Beispiel von Rechtsextremisten. Zum Beispiel von radikalen Christen. Zum Beispiel von Menschen, die wider besseren Wissens sagen: Ich habe ja nichts gegen „die“, solange sie sich an die Gesetze halten und nichts mit Kindern anfangen. Oder solange „die“ sich nicht so in den Vordergrund drängen mit dem ganzen Regenbogengedöns. – Wer bedroht hier wen?

Umso wichtiger ist es, nach dem Attentat von Berlin dazu beizutragen, dass sich queere Menschen gesehen wissen. Kirchlich wäre da deutlich mehr dran gewesen. Der Berliner Erzbischof und der Queerbeauftragte der Bischofskonferenz benennen mit keinem Wort, dass die queere Community und nicht nur wolkig ein „fröhliches Fest“, Vielfalt und Freiheit das Ziel dieses Anschlags war. Was aber nicht beim Namen genannt wird, ist nicht gesehen. Minderheiten sind nicht die Mehrheit. Darum brauchen sie Schutz, Solidarität und wachen Blick – auch den auf die Wunden hinter dem Schrillen.

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