Xantener Kaplan: Weihnachtsgottesdienste sind besondere Herausforderung

Damit aus der Christmette kein Musical wird

Die Familienmesse an Heiligabend liegt vier Jahre zurück. Im Mittelpunkt im Xantener St.-Viktor-Dom stand eine junge Frau, die mit einem Kinderchor stimmungsvolle Lieder sang. Aber eben Winterlieder wie „Schneeflöckchen, Weißröckchen“. Bekannte Weihnachtslieder – Fehlanzeige. Der Chor dominierte den Familiengottesdienst derart, dass zunehmend deutlicher Unmut aus den Reihen der Gottesdienstbesucher aufkam.

Sätze wie „Dass man sich so etwas bieten lassen muss“, waren in den Bankreihen zu hören. Immer stärker drängte sich der Eindruck auf, dass hier eine familienfreundliche Liturgie mit einem Musical verwechselt worden war. Da konnten auch die Gebete im Rahmen der Feier nichts ändern. Eine Familienmesse wie diese blieb die Ausnahme. In den kommenden Jahren nahm sich Kaplan Oliver Rothe der Familienmette im Xantener Dom an.

Die ersten Reihen gehören den Kindern

Kaplan Oliver Rothe.
Kaplan Oliver Rothe. | Foto: Jürgen Kappel

„Für diese Feier war ich nicht verantwortlich“, sagt er lächelnd. „Meine erste Weihnachtsfamilienmette habe ich ein Jahr später gestaltet.“ Die Familienmette im Dom sei eine schwierige Feier. „Das fängt schon mit den individuellen Vorstellungen an, die jeder mitbringt, der im Dom feiern möchte“, sagt Rothe. Für viele prägten Menschenmassen die Gottesdienste im Dom. Und die Befürchtung, keinen Platz zu bekommen. „Doch alle wünschen sich Kerzenglanz und Stille, also eine atmosphärisch dichte Liturgie“, erläutert Rothe. Er sieht seine Aufgabe darin, Ängste und Wünsche in die Gestaltung einzubringen und entsprechend die Liturgie zu gestalten.

Der Gottesdienst um 16.30 Uhr ist für ihn eine klassische Familienmette. Sie richtet sich in erster Linie an die Kerngemeinde. „Kinder gehören in die erste Reihe. Da muss man Großeltern, die zu Besuch sind, auch schon einmal klarmachen, dass sie in den Kinderbänken nichts verloren haben.“

Der Kaplan weiß jedoch auch, dass neben den Katholiken der Kerngemeinde auch Menschen an Weihnachten kommen, „weil es eben der Dom ist. Sie werden vom Gebäude angesprochen und erwarten eine entsprechende Festlichkeit.“ In die Familienmette kommen auch viele, die außerhalb Xantens studieren und ältere Menschen, die nicht zur Zielgruppe gehören, für die aber die Nachtmette zu spät ist.

„Es handelt sich nicht um ein Unterhaltungsprogramm“

Die Gottesdienstbesucher haben  also unterschiedliche Erwartungen. Der Kaplan nimmt sie alle sehr ernst. „Ich wehre mich dagegen, Menschen gedanklich auszuschließen, nur weil sie eventuell lediglich an Weihnachten den Gottesdienst besuchen“, erklärt der junge Geistliche „Für die Liturgie bedeutet das jedoch, schnell an Grenzen zu gelangen.“ Für Rothe ist eines jedoch unumstößlich: „Die Liturgie ist etwas Göttliches, und darin darf man nicht nach eigenem Gutdünken herumfuhrwerken“, sagt er. „Wir können ja nicht alle Texte und Hochgebete umschreiben, sodass alle in der Lage sind, den Inhalt nachzuvollziehen.“

Der Geistliche geht auch auf die musikalische Gestaltung ein. „Es handelt sich auf keinen Fall um ein Unterhaltungsprogramm“, sagt er. „Das können die Wiener Sängerknaben besser.“ Doch Rothe weiß auch, dass Musik ein wesentlicher Bestandteil der Liturgie ist. „Musik kann Gebete wesentlich unterstützen. Dadurch können religiöse und spirituelle Empfindungen angesprochen und unterstützt werden, die mit Worten so klar nicht ausgedrückt werden können.“

Rothe: Lateinische Gesänge sind nicht angebracht

In der Weihnachtsliturgie stecken die Gestalter in einem Dilemma. „Was macht man mit den liturgischen Bestandteilen wie Kyrie, Gloria, Credo oder Sanctus, die für den Gottesdienst ja in ihren Aussagen festgelegt sind? Andererseits weiß ich, dass es die Erwartungen der Besucher gibt, in den Messfeiern viele Weihnachtslieder zu singen.“

Rothe bemüht sich, in seiner Auswahl eigene Vorstellungen mit den Erwartungen der Besucher in Einklang zu bringen. Er fragt sich, was in den Texten wie Kyrie oder Gloria ausgedrückt werden soll und sucht nach passenden Strophen aus Weihnachtsliedern. „Die Strahlkraft der Texte zu treffen, gelingt mal schlechter, mal besser.“ Nur eines weiß er genau: Lateinische Gesänge wären nicht angebracht.

Die Predigt in Kurzfassung

Was die Predigt betrifft, hat Rothe jedes Jahr das gleiche Problem: „Das Krippenspiel ist in der Familienmette gesetzt. Daran komme ich nicht vorbei.“  Andererseits möchte er auch die biblischen Texte nicht zur Disposition stellen. Im Gottesdienst hat er für das Krippenspiel die Stelle des Lesungstextes wie den Titusbrief gewählt.

Das Lukas-Evangelium wird später vorgelesen und ist auch Bestandteil seiner Predigt. Rothe weiß jedoch, dass er sich kurz fassen muss. „Den Zuhörern wird es sonst schnell zu viel.“ Die Predigt ist nicht nur für Kinder ausgelegt. „Auch die anderen 800 Menschen im Dom habe ich im Blick. Sie werde ich nicht mit einer Kinderkatechese ansprechen. Und warum sollte ich die Chance vertun, sie nicht an der Freude der Botschaft teilhaben zu lassen?“

Benimmregeln vor dem Gottesdienst

Der Spannungsbogen liegt zwischen Predigt und Krippenspiel. An dessen Gestaltung legt der Priester hohe Maßstäbe, denn es sei ja Teil der Verkündigung. Daher müsse es professionell vorbereitet sein.

In diesem Jahr plant Rothe, dass jemand vor dem Gottesdienst Benimmregeln anspricht. Etwa: In der Kirche sind Mützen abzunehmen und Kaugummis aus dem Mund zu nehmen. Handys sollten ausgeschaltet sein. „Den Menschen muss klar sein, dass sie sich nicht auf dem Weihnachtsmarkt befinden, sondern an einer Heiligen Messe teilnehmen.“