Gedicht von Pfarrer Hermann Josef Kappen aus Münster zieht Kreise

Das berühmte Neujahrsgebet des Lamberti-Pfarrers von 1883

Neujahrsgebet
Herr, setze dem Überfluss Grenzen
und lasse die Grenzen überflüssig werden.
Lasse die Leute kein falsches Geld machen
und auch Geld keine falschen Leute.
Nimm den Ehefrauen das letzte Wort
Und erinnere die Ehemänner an ihr erstes.
Schenke unseren Freunden mehr Wahrheit
und der Wahrheit mehr Freunde.
Gib den Regierenden ein besseres Deutsch
Und den Deutschen eine bessere Regierung.
Herr, sorge dafür, dass wir alle in den Himmel kommen
Aber nicht sofort!

 

Es war ein Zufallsfund: Die Mitarbeiterin von "Kirche+Leben" entdeckte die Inschrift auf der gelben Hauswand bei einer Stippvisite im Moselstädtchen Bernkastel-Kues. Ihr Blick fiel auf den kalligraphisch schön gestalteten Neujahrsgruß, darunter hocken zwei Figuren – ein Lautenschäger und ein Lauscher. Noch tiefer grinst ein verschmitztes Teufelchen. Ein Hinweis besagt: „Gebet des Pfarrers von St. Lamberti in Münster 1883“.

Der Verfasser der witzigen und hintergründigen Zeilen ist Hermann Josef  Kappen, geboren 1818 in Münster, seit 1855 dort Pastor, später auch Stadtdechant, Ehrendomkapitular und päpstlicher Hausprälat. Das lässt sich unter www.himmelunderdeonline.de im Internet schnell recherchieren.

Zur gezielten Belustigung des Volks

 

Neujahrsgruß von Pfarrer Hermann Josef Kappen von 1883 auf der Wand des ehemaligen Feuerwehrhauses in Bernkastel-Kues. Neujahrsgruß von Pfarrer Hermann Josef Kappen von 1883 auf der Wand des ehemaligen Feuerwehrhauses in Bernkastel-Kues. | Foto: -erd

Der Seelsorger war zudem Redakteur des Sonntagsblatts für katholische Christen und schrieb für mehrere weitere Blätter. Den Spruch soll er 1883 bei einem Neujahrsempfang in St. Martini et Nicolai in Steinkirchen zum Besten gegeben haben.

Angesprochen auf die kniffelige Herkunftsfrage fängt Manfred Derpmann, Lehrbeauftragter an der Uni Münster, ehemaliger Lehrer am Paulinum und Autor mehrerer Bücher, an, nachzuforschen. Seit dem 15. Jahrhundert seien Neujahrsprüche neben der Predigt  geläufig gewesen, erklärt er. Martin Luther habe sie allerdings als gezielte Belustigung des Publikums abgelehnt. Der Reformator habe sich jedoch auch bei den evangelischen Pastören dauerhaft nicht durchsetzen können.

Ausgeborgte Lebensweisheiten

Derpmann kommt noch einer anderen Sache auf die Schliche: Kappens Verse sind zum nicht unerheblichen Teil geklaut – oder etwas freundlicher ausgedrückt ausgeborgt: aus dem politischen Neujahrswunsch eines Journalisten-Kollegen, Adolf Glaßbrenner (1810-1876), ein Humorist und Satiriker zudem.

Derpmann hat diese Zusammenhänge durch den Beitrag von Gisbert Strotdrees „Ein Gebet zieht seine Kreise“ (Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben 1/2016) herausgefunden. „Die Vorlage Glaßbrenners war stark politisch, antipreußisch und kämpferisch formuliert“, erklärt er. Pfarrer Kappen habe sich aus dem im Komischen Volkskalender 1854 veröffentlichten gesellschaftskritischem Gedicht die Sätze herausgepickt, die eine gewisse Allgemeingültigkeit haben und sie auf den Alltag der Menschen bezogen.

Lebensfroher Humor

Manfred DerpmannManfred Derpmann ist Lehrbeauftragter am Schreib-Lese-Zentrum der Uni Münster. | Foto: karin Weglage

Zu den ausgeborgten Glaßbrenner-Weisheiten hat der Pfarrer von Münster wortgewandt ein paar eigene Zeilen hinzugedichtet und das Ganze so abgerundet. „Pfarrer Kappen glaubte, dass die Menschen in den Himmel kommen möchten, aber ihre Lebenszugewandtheit war ihm wichtiger. Daraus entspringt der besondere Humor bei ihm“, erläutert Derpmannn.

Der Lamberti-Seelsorger habe zudem auf Klischees und den moralischen Zeigefinger verzichtet – mit der Wirkung, dass sein Neujahrsgruß bis heute Menschen zum nachdenklichen Schmunzeln verführt. Er habe einen guten Blick für einen Gott gehabt, der den Menschen zugewandt ist.

Vor dem Himmel bitte das Dasein genießen

Bleibt noch die Frage: Wie kommt der Gruß nach Bernkastel-Kues? Stadtführer Jürgen Servatius  weiß es auch nicht so genau, mutmaßt jedoch: „Vielleicht hat es mit dem nahen Kapuzinerkloster zu tun.“

Am Ende seiner Rundgänge mache er gern vor der beschrifteten Wand des ehemaligen Feuerwehrhauses in der Burgstraße Halt und lenke die Gedanken seiner Zuhörer auf die letzte Textzeile: „Aber nicht sofort!“ „Vor dem Himmel sollten wir doch lieber noch eine Reise unternehmen oder an die Mosel zurückkehren“, empfiehlt er den Touristen in Bernkastel-Kues.