Auf den Spuren des deutschen NS-Terrors in Polen

Das Grauen von Auschwitz wird für Schülerinnen fassbar

Es gibt Momente, die sich zeitlebens ins Gedächtnis eingraben. Ein solcher Moment war für Franziska van Straalen und Maren Bergmann die Begegnung mit Lidia Makseymowicz. Als Kind hat die 78jährige Polin in Auschwitz unvorstellbares Leid erlebt. Dennoch sagt sie heute leise „Danke“, und das in der Sprache ihrer ehemaligen deutschen Peiniger. „Danke, dass ihr mir zugehört habt und euch für meine Geschichte interessiert.“

Franziska van Straalen und Maren Bergmann gehören zu einer Gruppe der Marienschülerinnen aus Xanten, die fünf Tage auf einer Studienfahrt in Krakau und Au­schwitz der Spur des NS-Terrors folgten. „Es war sehr einprägsam. Eine unglaubliche Geschichte“, sagt Franziska nach ihrer Rückkehr über das Treffen mit der Zeitzeugin. „Sie hat verziehen. Es ist ein beruhigendes Gefühl, dass es ihr heute gutgeht.“

Als Dreijährige quasi zum Tode verurteilt

Die Schüler der Xantener Marienschule mit Lidia Makseymowicz. | Foto: privat
Die Schüler der Xantener Marienschule mit Lidia Makseymowicz. | Foto: privat

Lidia war quasi zum Tode verurteilt, als sich in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts hinter der damals Dreijährigen, hinter ihrer Mutter und den Großeltern das Tor des Vernichtungslagers Auschwitz schloss. Die Großeltern sah sie nie wieder. Sie wurden vermutlich sofort vergast. Mutter und Tochter hatten die NS-Schergen voneinander getrennt. Kinder vegetierten in dem Lager in gesonderten Baracken dahin, immer zu fünft oder sechst auf einigen Quadratmetern Holzpritsche, auf verfaultem Stroh voller Ungeziefer und ohne viel Tageslicht. „Man musste sich vor den Wachmännern unsichtbar machen“, sagt Maren. Ansonsten wärden die Kinder für medizinische Experimente ausgesucht worden.

Lidia Makseymowicz sah auch den berüchtigten KZ-Arzt Josef Mengele. Vielmehr seine Stiefelspitzen aus ihrem Versteck. Jeder sei darauf bedacht gewesen zu überleben, referiert Franziska. Gemeinsame Spiele kannten die Kinder kaum. Jeder lebte in der Baracke für sich. Auf ihrer Homepage erinnert das Maximilian-Kolbe-Werk an diese Lebensgeschichte.

Plötzlich war das Lager befreit

Die Polin versteht sie als Warnung davor, „was Menschen anderen Menschen antun können, selbst kleinen Kindern“. Eines Tages wurde es im Lager sehr still; die Wachmannschaften flohen vor der vorrückenden Roten Armee zurück. Dann gab es plötzlich Milch und Brot, das Lager war befreit, Lidia Makseymowicz gehörte zu den wenigen Überlebenden.

Stacheldrahtzaun in Auschwitz. | Foto: privat
Stacheldrahtzaun in Auschwitz. | Foto: privat

Die Mutter musste einen Todesmarsch zuerst nach Ravensbrück und dann nach Bergen-Belsen antreten und galt darum als tot. Eine polnische Familie zog die junge Lidia als Adoptivtochter groß. Das Mädchen nahm den katholischen Glauben ihrer neuen Familie an. Und dann geschah das Unglaubliche: 17 Jahre nach der Befreiung aus dem Lager kam die Nachricht, dass ihre Mutter lebte und nie die Hoffnung aufgegeben hatte, ihre Tochter eines Tages zu finden.

Konfrontation hinterlässt Spuren bei den Schülerinnen

Die Konfrontation mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte ging nicht spurlos an den Xantener Schülerinnen vorüber. Sie arbeiteten in ihren abendlichen Gruppengesprächen mit Lehrern und Betreuern auf, zu was die Nationalsozialisten fähig waren. Es war eine enorme emotionale Belastung. Aber es habe sich gelohnt, sagen Franziska und Maren. Was sie vorher nur aus dem Unterricht und Büchern kannten, wurde nun mit einem Mal fassbar.

„Ich weiß nicht, ob ich so wäre wie sie, mit so viel Lebensfreude und ganz ohne Hass“, berichtet Franziska vom Treffen mit Lidia Makseymowicz. „Es war bewegend zu sehen, dass sie sich ein neues Leben aufbauen konnte, dass sie geheiratet und Kinder bekommen hat.“