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Unverständnis über Benedikt XVI. und Kritik an Kardinal Marx

Das Münchner Missbrauchsgutachten – so reagieren Betroffene

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Das Münchner Missbrauchsgutachten schlägt hohe Wellen. Wie nehmen eigentlich die Betroffenen die Veröffentlichung auf?

Das Münchner Missbrauchsgutachten bewegt die katholische Kirche weit über das untersuchte Erzbistum hinaus. Der Münchner Kardinal Reinhard Marx sagte, den Betroffenen gelte sein erster Gedanke, er bitte um Entschuldigung. Und wie nehmen die Betroffenen das Gutachten und die Reaktionen auf?

Robert Köhler vom Verein Ettaler Missbrauchsopfer stößt sich an den Einlassungen des früheren Papstes Benedikt XVI. "Vom Glauben fällt man ab, wenn Joseph Ratzinger, der immerhin von 1982 bis 2005 als Chef der Glaubenskongregation zuständig für den Umgang mit Missbrauchsvorwürfen weltweit war, aktuell verkündet, dass Missbrauchshandlungen ohne Berührung nicht von Relevanz waren."

"Keiner darf vom Thron gestoßen werden"

Köhler erinnert daran, dass die von Ratzinger geschilderte Tat bereits damals vom deutschen Strafrecht als sexueller Missbrauch gewertet wurde, für den man "mindestens sechs Monate einsitzen muss". Benedikt schreibe so, "als wären nackte Priester mit Pornoheften neben Kindern ein duldbarer Umstand".

Das System Kirche stellt sich für den Ingenieur so dar: "Den Vorgängern sind alle in Ehrfurcht verbunden, keiner darf vom Thron gestoßen werden, auch wenn er die Fortsetzungen von sexuellem Kindesmissbrauch durch sein Handeln begünstigt oder ermöglicht hat." Auch Papst Franziskus sei darin gefangen.

"Betroffenen zuhören - und das aushalten"

Verantwortlichen, die falsch gehandelt hätten, legt Köhler eine spezielle Buße nahe. Sie sollten sich mit Geschädigten treffen und das aushalten. Das Erzbistum München und Freising habe nun die Chance, "an gutem Beispiel zu zeigen, wie man glaubwürdig mit Betroffenen und auch Gemeinden, in denen Missbrauch stattfand, umgehen kann". Die "demütige Ansprache" des Kardinals sei dafür eine "gute Basis".

Dem Wiederholungstäter Peter H. widmet das Gutachten einen Sonderband von 370 Seiten. Der Gelsenkirchener Wilfried Fesselmann, der von dem Essener Diözesanpriester als Elfjähriger 1979 missbraucht wurde, verfolgte die Vorstellung des Gutachtens im Fernsehen. Er sagt, er sei "richtig euphorisch, dass das alles mal an die Öffentlichkeit gekommen ist".

"Alle Bischöfe müssten zurücktreten - das wäre ein Zeichen"

Marx habe ihn 2008 "mundtot" machen wollen, so Fesselmann gegenüber der der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Der Kardinal wie überhaupt alle Bischöfe müssten nun eigentlich zurücktreten, schließlich hätten sie tausende Straftaten mitbegünstigt. "Das wäre für mich mal ein richtiges Zeichen".

In Garching an der Alz, der letzten Pfarrstelle von Peter H., haben sich vor zwei Jahren Gemeindemitglieder zur "Initiative Sauerteig" zusammengeschlossen. Darunter auch ehemalige enge Weggefährten des vorbestraften Priesters, über dessen Vorleben man sie im Unklaren gelassen hatte. Für die Betroffenen müsse nun eine großzügige und einfach zugängliche Wiedergutmachtung auf den Weg gebracht werden, heißt es in einer "Sauerteig"-Stellungnahme. Auch alle betroffenen Pfarreien müssten "unabhängig begleitet" werden. Das Gutachten werde hoffentlich weitere Betroffene ermutigen, sich zu melden.

Gespräch mit Betroffenenbeirat

Das Erzbistum nahm noch am Donnerstag eine mit sechs psychotherapeutisch geschulten Fachkräften besetzte neue Anlaufstelle in Betrieb. Sie ist unter Tel. 089 / 21 37 77 000 erreichbar.

Mit dem diözesanen Betroffenenbeirat kamen ebenfalls noch am Donnerstag Generalvikar Christoph Klingan und Amtschefin Stephanie Herrmann zusammen. Drei Stunden dauerte das Gespräch, sagt Beiratsmitglied Richard Kick der KNA. Und, dass sein Gremium große Hoffnungen in die beiden als "Stütze der künftigen Aufarbeitung" setze. Sie seien "noch jung an Lebens- und Dienstjahren" und hätten daher "selbst keine Vergangenheit aufzuarbeiten".

Ein "Armutszeugnis" von Marx

Kick wünscht sich jetzt "ein wirklich proaktives Zugehen auf Betroffene". Vor zwölf Jahren sei er mit einer ersten Gruppe von Leidensgenossen zu einem Gespräch mit Marx in dessen Palais eingeladen worden. Dieser habe sich seither aber nicht mehr bei ihm gemeldet. Warum, fragte ihn Kick kürzlich. Darauf Marx: Ihm habe niemand gesagt, dass er die Betroffenen nochmal kontaktieren solle. "Das ist doch ein Armutszeugnis menschlicher Art", sagt Kick.

Der Trierer Betroffenenverein "Missbit" setzt in die innerkirchliche Aufarbeitung indes keine Hoffnungen mehr. Das neue Gutachten zeige einmal mehr, dass nun die Politik gefordert sei, sagt der Vorsitzende Thomas Schnitzler.

Für eine staatliche Aufarbeitung

Der Bundestag müsse eine gesetzliche Grundlage für eine staatliche Aufarbeitung schaffen, fordert auch der Betroffene Timo Ranzenberger. Er hatte 2021 einen Missbrauchsfall im Bistum Trier öffentlich gemacht, in dem auch Marx als damaligem Bischof Versäumnisse angelastet werden.

Ranzenberger lebt inzwischen in Oberbayern und ist von der ersten Reaktion des Kardinals enttäuscht. Dass dieser "erschüttert und beschämt" sei, das klingt für Ranzenberger nach "leeren Worthülsen".

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