___STEADY_PAYWALL___

Der Malteser-Notfallsanitäter fotografiert zu früh gestorbene Kinder

"Dein Sternenkind": Oliver Hölters macht letzte Fotos für trauernde Eltern

Anzeige

Eigentlich fotografiert Oliver Hölters Landschaften und Sonnenuntergänge oder porträtiert auch mal Freunde. Doch immer wieder steht der Notfall-Sanitäter des Malteser-Hilfsdienstes in seiner Freizeit auch vor ganz anderen Herausforderungen: wenn er für trauernde Eltern letzte Fotos ihrer tot geborenen oder zu früh gestorbenen Kinder macht. Er ist einer von bundesweit 650 ehrenamtlichen Fotografen des Projekts „Dein Sternenkind“.

Er war gerade beim Zähneputzen. Als sein Smartphone an diesem Aprilmorgen vibriert, sieht Oliver Hölters nur kurz aus Display und weiß schnell: Das ist etwas für ihn. Ein Einsatz in Vechta, gut 10 Kilometer von seinem Wohnort Dinklage entfernt. Also loggt er sich ein in die App von „Dein-Sternenkind.eu“. Er liest die wichtigsten Informationen durch, übernimmt den Auftrag und steht kurz darauf mit seiner Kamera im Vechtaer Marienhospital, auf der Geburtsstation.

Die Hebammen sind informiert, haben ihn an der Pforte angekündigt. Auf dem Weg zum Kreißsaal weiß Oliver Hölters nur, dass es um ein kleines Mädchen geht. In der 22. Schwangerschaftswoche war es tot zur Welt gekommen. Nun liegt der winzige Körper in ein Handtuch gewickelt auf einem Tisch. Die Eltern sind schon wieder auf dem Krankenzimmer. Der Mutter gehe es nicht so gut, heißt es. Sie hatten sich aber dennoch den Einsatz des Sternenkind-Fotografen gewünscht.

Oliver Hölters ist seit drei Jahren im Einsatz

So ist der Fotograf allein mit dem verstorbenen Kind, hat vielleicht eine halbe Stunde Zeit, um das zu produzieren, was sich die trauernden Eltern von ihm wünschten: letzte Fotos von ihrem eben verstorbenen Kind. Damit sie eine bleibende Erinnerung haben und als Hilfe, die Trauer zu verarbeiten. Der 44-Jährige nickt. „Genau darum geht es.“

Seit rund drei Jahren ist Oliver Hölters einer von aktuell 650 Fotografen, von denen fast täglich welche in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu solchen Einsätzen herausfahren, als ehrenamtliche Mitarbeiter des 2013 gegründeten Projekts „Dein Sternenkind“. Die Nachfrage ist groß und wächst. Im vergangenen Jahr waren es 3250 Einsätze, in diesem Jahr gehen die Verantwortlichen des Projekts von mehr als 4000 aus. „Dein Sternenkind“ schenkt Eltern, die ein Kind verloren haben, die Erinnerungsfotos. Alle Beteiligten haben sich dafür völlig ehrenamtlich zur Verfügung gestellt. Es gibt weder Spritgeld, noch werden Auslagen für Technik oder Material ersetzt.

Die Eltern sind nicht immer dabei

Mein-Sternenkind-Fotograf Oliver Hölters aus Dinklage. | Foto: Michael Rottmann
Dein-Sternenkind-Fotograf Oliver Hölters aus Dinklage. | Foto: Michael Rottmann

So steht Oliver Hölters auch an jenem Apriltag in Vechta wieder vor einer ungewissen Aufgabe. „Einen Plan habe ich nie, weil ich nie weiß, was mich erwartet.“ Welcher Raum ist frei? Wie ist das Licht? In welchem Zustand ist das kleine Wesen? Am liebsten hat er es, wenn die Eltern auch dabei sind. „Weil ich weiß, dass gerade gemeinsame Erinnerungen so wertvoll sind.“ Aber das klappt nicht immer.

Berührungsängste hat Hölters nicht. Nach drei Jahren Erfahrung mit den Einsätzen weiß der ausgebildete Notfall-Sanitäter, wie er die kleinen Körper so hinlegen kann, dass die Fotos auch wirklich eine gute Erinnerung sein können. Meist drückt er pro Einsatz rund 50 Mal auf den Auslöser. Etwa zehn Bilder sucht er anschließend für die Eltern aus. In der Regel sind es Schwarz-Weiß-Fotos, ab und zu auch welche in Farbe. Wie bei einem anderen Einsatz in diesem Jahr.

Normalerweise fotografiert er in der Natur

Das Kind lebte noch, aber alle wussten, dass es keine Chance hatte. Sieben Monate alt war der Säugling. Gemeinsam mit den Eltern stand er am Bett auf der der Baby-Intensivstation. „Das Kind war an die Maschinen angeschlossen. Die Schwestern haben es dann für die Fotos den Eltern auf den Arm gelegt.“ Letzte wichtige Momente miteinander. Am Tag darauf ist es gestorben.

Zur Fotografie ist Oliver Hölters schon früh gekommen. Normalerweise fotografiert der Familienvater in freier Natur, Landschaften, Sonnenuntergänge, das Meer. An der Wohnzimmerwand hängen Bilder von Ameland: Leuchtturm, Seegras, die Weite der Nordsee. So gar nicht vergleichbar mit den Fotos, die er für „Dein Sternenkind“ macht.

Elterngruppe stößt Oliver Hölters auf das Projekt

Auf das Projekt gestoßen war Hölters durch eine Elterngruppe der Malteser im Offizialatsbezirk Oldenburg. Das Projekt für Eltern verstorbener Kinder kümmert sich um betroffene Familien. Leiterin Edeltraud Becker hatte ihm von „Dein Sternenkind“ erzählt. „Sie hat mir klargemacht, dass auch ich einen Beitrag leisten könnte und damit etwas sehr Wertvolles für diese Eltern schaffen könnte.“ Das hat ihn überzeugt.

Eine spezielle Ausbildung verlangt „Dein Sternenkind“ von den Fotografen nicht. Bei der Aufnahme musste Hölters nur seine Kamera-Ausrüstung angeben. Zum Beispiel, mit welchen Objektiven er arbeitet. „Weil grundsätzlich ohne Blitz fotografiert wird, oft bei schlechtem Licht.“ Das macht das Fotografieren nicht immer einfach. Er erzählt von seinem ersten Einsatz, auch von seinen  Zweifeln: „Wirst Du den Wünschen der Eltern mit deinen Bildern auch wirklich gerecht?“ Auch wusste er nicht, wie viel Zeit und Ruhe ihm bleiben würden. Dazu die Sorge, dass Technik und Licht mitspielen.

Viel Fingerspitzengefühl ist gefordert

Worauf kommt es ihm an bei den Bildern? „Ich weiß mittlerweile, dass es nicht um Perfektion geht. Selbst wenn der Körper eines Kindes nicht mehr ansehnlich ist, etwa weil es schon mehrere Tage verstorben im Mutterleib war, sind die Fotos noch immer wertvolle Erinnerungen.“ Und auch dann versucht er, Fotos zu machen, die die Eltern auch herzeigen mögen. Zum Beispiel Detailaufnahmen von Fuß, Hand oder Ohr. In manchen Krankenhäusern liegen auch kleine gebastelte Herzen bereit, neben die er eine Hand des Kindes legen kann.

Nach seinem Einsatz bei dem kleinen Mädchen im April in Vechta ging er anschließend zu den Eltern, die noch die nötigen Formulare unterschreiben sollten. Auch diese Begegnungen erfordern Fingerspitzengefühl. „Sie sind ja so kurz nach dem Geschehen in einer Extremsituation.“ Doch ohne den Kontakt geht es nicht. Auch, weil er noch wissen musste, wie sie die Fotos haben möchten, ausgedruckt, als Datei, solche Dinge.

Hölters verkraftet Einsätze immer unterschiedlich

Der Foto-Dienst läuft diskret ab. „Es ist ja kein Thema, mit dem man Werbung macht auf einer Geburtsstation“, sagt Oliver Hölters. Die Möglichkeit für solche Fotos sei eher Hintergrundwissen der Hebammen, für den Fall der Fälle. Sie sollen Bescheid wissen, um Eltern darüber informieren zu können.

Und wie verkraftet er selbst seine Einsätze? „Immer unterschiedlich“, sagt er und nimmt die Bearbeitung der Fotos als Maßstab. „Manchmal setze ich mich noch am selben Tag daran, manchmal brauche ich erst mal ein paar Tage Abstand.“ Dabei hatte er als Notfall-Sanitäter bei den Maltesern mit 23 Jahren Berufserfahrung schon oft mit dem Thema Tod zu tun. „Wenn auch noch nie mit verstorbenen Kindern“.

Als Fotograf den Angehörigen beistehen

Doch was dort für ihn gilt, das helfe ihm auch als Fotograf bei „Dein Sternenkind“: „Im Sanitätsdienst können wir den Menschen ja in den allermeisten Fällen retten. Und wenn wir sie mal nicht retten können, dann können wir wenigstens den Angehörigen beistehen.“ Dieses Gefühl stärke ihm auch als Fotograf den Rücken: „Dass wir damit den Eltern einen Dienst erweisen, der ihnen hilft, mit ihrem Leid umzugehen und sie tröstet.“

Das Projekt „Dein Sternenkind“
Das 2013 gegründete Projekt „Dein Sternenkind“ hat sich zum Ziel gesetzt, Eltern Fotos ihrer zu früh gestorbenen Kinder als bleibende Erinnerung zu schenken. Die Gründer haben dafür ein immer weiter wachsendes Netz von ehrenamtlichen Fotografen aufgebaut, die auf Wunsch der Eltern diese Fotos produzieren. Sie werden über eine speziell dafür angelegte Internet-App informiert und ähnlich wie bei Feuerwehren oder Rettungsdiensten zu den Einsätzen geschickt. Das Angebot ist für die Eltern völlig kostenlos. Derzeit haben sich bundesweit 650 Fotografen für das 2013 gegründete Projekt „Dein Sternenkind“ registrieren lassen. Wie der im Projekt unter anderem für die Pressearbeit zuständige Oliver Wendlandt im Gespräch mit „kirche-und-leben.de“ mitteilt, wurden sie seit Gründung bereits rund 10.000 Mal gerufen. Allein im vergangenen Jahr waren es 3260 Einsätze, in diesem Jahr würden es mindestens 4000 werden. Derzeit erstreckt sich das Angebot auf Deutschland, Österreich und die Schweiz. Die Erweiterung auf Südtirol ist geplant. Das Angebot ist vollständig ehrenamtlich organisiert und finanziert notwendige Investitionen, etwa für sichere Datenverarbeitung von Fotos und Kontakten, durch Spenden, für die es aber nicht wirbt.

Drucken
Anzeige
Anzeige
  • Streffing Krimis
Anzeige
  • Kampanile - Medieagentur