GESELLSCHAFT

Wie sich die Kirche für die Demokratie einsetzen sollte

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Demokratie ist nicht selbstverständlich. Sie muss verteidigt werden. Dabei kann auch die Kirche helfen, sagt Pastoralreferent Peter Otten.

Heute, am 15. September, ist „Internationaler Tag der Demokratie“. Klingt schön. Da denkt man an Grundrechte, Gleichheit und freie Wahlen. Man denkt weniger an die katholische Kirche. Vor allem, weil sie bis heute eine Art biotopisches Schutzgebiet für vormoderne Regierungsformen geblieben ist. Da helfen im Konklavefall auch alle stolzen Verweise auf die Papstwahl nicht. Denn die ist ja vor allem eins: mysteriös.

Da bleibt die Frage: Was kann eine Institution, die innerlich noch weitgehend wie ein absolutistischer Hofstaat funktioniert, für die Demokratie tun? Überraschenderweise ziemlich viel. Denn Demokratie lebt nicht allein vom Wahlrecht, sondern auch von Haltung: von Menschen, die gelernt haben, sich selbst nicht für den Mittelpunkt des Universums zu halten. Und da sind Christinnen und Christen, wenn sie ihre eigenen Texte ernst nehmen, gar nicht so schlecht. „Der Erste soll der Diener aller sein.“ Klingt doch wie eine biblische Version von „checks and balances“.

Ein bisschen mehr Demokratie wagen

Der Autor
Peter Otten ist Pastoralreferent in St. Agnes, mitten in Köln. Als pointierter Autor und Seelsorger mit vielen Ideen und Perspektiven hat er sich sowohl im WDR als auch im Internet einen Namen gemacht – nicht zuletzt zusammen mit Greta, seinem Hund, der ihn bei vielen seelsorglichen Einsätzen begleitet.

Natürlich wäre es hübsch, wenn die Kirche selbst ein bisschen demokratischer wäre. Frauen, die Priesterinnen werden wollen, kennen das Problem: Man darf angeblich alles – nur nicht das. Diskussionen über Macht und Sexualität verlaufen oft wie in einer Talkshow, bei der der Moderator das Mikrofon nicht aus der Hand gibt.

Die Kirche kann für die Demokratie vor allem zweierlei tun: Erstens kann sie selbst ein wenig mutiger darin sein, den Geist von Freiheit und Gleichheit ins eigene System einzulassen. Gerade in Zeiten, in denen ideologisch grundierte Autokratien an „Sexyness“ gewinnen, ist die Verführung groß, es lieber denen gleichzutun. Zweitens kann sie das Beste, was sie hat, nach außen tragen: die frohe Botschaft davon, dass Demokratie mehr ist als Mehrheitsbeschlüsse. Demokratie lebt vom Respekt vor Minderheiten. Dass man den Schwachen eine Stimme gibt. Dass Macht eine Aufgabe ist, kein Privileg. „Ich will, dass ich am wenigsten Steuern zahle – alles andere ist mir egal“ ist eine miese Botschaft. Doch wer glaubt, dass jeder Mensch Ebenbild Gottes ist, der hat eigentlich schon die Grundlage jeder Verfassung verinnerlicht.

Menschen, die ein Defizit haben, reden darüber manchmal am klügsten. Wer die eigenen Makel ehrlich benennen kann, spricht weniger von oben herab. Die Kirche weiß allzu gut, wie Verlockung, Macht und Machterhalt funktionieren. Vielleicht macht sie das eines Tages doch noch zu einer ehrlicheren Demokratieschule als so mancher Politiker, der unerschütterlich von seiner eigenen Integrität überzeugt ist.

In unseren Gastkommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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