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Lexikon des Judentums (19)

Der jüdische Friedhof – „Haus der Ewigkeit“

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Wissen ist das beste Mittel gegen Vorurteile und Antisemitismus. Zum Jubiläum „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ erläutert diese Serie Begriffe jüdischen Glaubens – diesmal von Ludger Hiepel, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster.

Friedhöfe werden im Judentum als „Haus des Lebens“ oder „Haus der Ewigkeit“ bezeichnet. Jüdische Gräber dürfen nicht eingeebnet werden, sondern sollen ewig bestehen. Beim Besuch eines Grabes werden kleine Steinchen auf das Grab gelegt. Der Brauch kommt vermutlich aus der Antike.

Damals wurden schwere Steine auf die Gräber etwa in der Wüste gelegt, um den Leichnam vor wilden Tieren zu schützen und damit die Totenruhe zu gewährleisten. Wenn man wiederkam, legte man weitere Steine hinzu, um die Stelle dauerhaft zu sichern und wiederfinden zu können. Damit wurden und werden die dort Bestatteten geehrt, indem man ihnen einen ewigen Ruheplatz bereitet.

Männliche Besucher tragen auf dem Friedhof eine Kopfbedeckung. Am Schabbat und den jüdischen Feiertagen wird der Friedhof nicht besucht. Nach dem Verlassen des Friedhofs ist es Brauch, sich die Hände zu waschen, weil die Nähe der Toten kultisch unrein macht.

 

Grabstein wird am ersten Jahrestag gesetzt

 

In der Regel wird am ersten Jahrestag nach dem Tod der Grabstein gesetzt. Auch wenn sich die Sepulkralkultur im deutschsprachigen Raum in den vergangenen Jahrhunderten gewandelt hat, finden sich auch heute noch hebräische Formeln und Symbole auf den Grabsteinen. Die Inschriften beginnen häufig mit einer Abkürzung aus den Buschstaben Pe und Nun. Diese stehen für „hier ist begraben“ oder „hier ist geborgen“.

Am Ende der Inschrift findet sich mit fünf Buchstaben (Taw, Nun, Zade, Bet, He) abgekürzt die an 1 Sam 25,29 angelehnte Segensformel: „Möge seine / ihre Seele eingebunden sein in das Bündel des Lebens“. Die Segensformel setzte sich seit dem Mittelalter als Schlusssegen hebräischer Inschriften durch und bildet seit dem 20. Jahrhundert, gemeinsam mit der Einleitungsformeln, oft das einzige hebräische Element ansonsten deutscher Inschriften.

 

Bildelemente mit Symbolik

 

Innerhalb dieses Rahmens finden sich dann der Name und das Sterbedatum. Im Mittelalter und bis ins 19. Jahrhundert fanden sich vielfach längere hebräische Lobreden auf die dort bestattete Person. Im Lauf des 19. Jahrhunderts setzen sich nach und nach auch deutschsprachige Inschriften durch.

Dazu treten häufig auch Bild­elemente, die entweder jüdische Symbolik aufnehmen oder aus den Formen der jeweiligen Zeit und Umwelt schöpfen. Zu den jüdischen Symbolen zählen solche, die auf die Abstammung hinweisen. Beispielsweise verweist das Symbol der segnenden Hände auf die Priester oder eine Kanne auf den Stamm Levi.

Andere Bildelemente symbolisieren den Namen der Verstorbenen, etwa ein Hirsch oder Löwe. Symbole wie zum Beispiel der Davidstern verweisen auf die Zugehörigkeit zum Judentum. Ein nicht speziell jüdisches Symbol ist beispielsweise eine abgebrochene Säule, die an das abgebrochene Leben erinnert.

Der Autor
Ludger Hiepel
Ludger Hiepel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Zeit- und Religionsgeschichte des Alten Testaments der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster. In Forschung und Lehre beschäftigt er sich neben dem Alten Testament und der Altorientalistik auch immer wieder mit dem Judentum. | Foto: Stephan Kube

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