Ein Seelsorger und eine Lehrerin berichten

Der Tod einer Schülerin verändert die Schule

Das stellen beide sofort klar: „Eine Antwort haben wir nicht, wenn die Schüler fragen.“ Wohl aber Angebote, wie diese mit der Frage umgehen können. „Es geht nicht um eine Klärung, sondern um die Möglichkeit, das formulieren zu können, was in diesen Momenten unbegreiflich ist.“

Esther Röder ist Religionslehrerin am Kardinal-von-Galen-Gymnasium in Münster-Hiltrup. Gemeinsam mit Schulseelsorger Bruder Konrad von den Canisianern blickt sie auf Ereignisse zurück, die nicht lange zurückliegen. Sie erschütterten die ganze Schule und brachten das „Warum“ in viele Gespräche zwischen Schülern und Lehrern: Eine 14-jährige Mitschülerin starb im vergangenen Jahr an Krebs. Die Schulgemeinschaft durchlebte den Weg bis zum vorhergesagten Tod und die Trauerphasen gemeinsam.

Alle sind sprachlos

Es gibt kaum andere Momente, in denen die Frage so oft und intensiv gestellt wird, als wenn eine Mitschülerin stirbt: „Wieso passiert das – warum lässt Gott das zu?“ Röder kann sich an viele Augenblicke in der Schulbank, im Meditationsraum oder im Lehrerzimmer erinnern, in denen sie mit Schülern oder Kollegen sprachlos auf die Ereignisse schaute. „Mit Tränen, hilflos, auch mit Wut.“

Diese Situationen waren für alle enorm wichtig. „Wenn wir als Lehrer etwas gesagt haben, dann waren das die gleichen Fragen, die von den Schülern kamen.“ Es gab also keine Antworten, wie sie ein Lehrer sonst gibt. Sondern ein gemeinsames Aushalten der Fassungslosigkeit. Aber genau darin lag ein entscheidendes Signal, sagt sie: „Wir verstehen eure Gefühle, kennen sie selbst und stehen sie mit euch durch.“

Katastrophe macht ratlos

Bruder Konrad sieht darin das eigentliche Ergebnis in der Auseinandersetzung mit der Theodizee, wie er es aus der Theologie kennt. „Da gibt es viele Ansätze, aber keine abschließende Aussage.“ Wohl aber den Gedanken, den Menschen in der Ratlosigkeit, die eine solche Katastrophe mit sich bringt, nicht allein zu lassen. „Es geht darum, sich in der Gemeinschaft zu stärken, Räume und Situationen zu schaffen, wo diese Ratlosigkeit Platz hat, und Worte anzubieten, die bei der Verarbeitung helfen.“

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Ein wichtiger Ort war der Meditationsraum der Schule, erinnert sich der Canisianer. „Er war immer voll, wurde mit Kerzen und Blumen gestaltet, die Schüler schrieben ihre Gefühle auf Zettel.“ Der Schulalltag war in den Tagen vor und nach dem Tod der Schülerin ein anderer. „Er wurde unterbrochen, Gespräche und Auszeiten waren immer möglich, es gab keine schulische Routine.“

Die Kollegen und die Schulleitung unterstützten das. „Alles konnte hinter dem Ereignis des Todes zurücktreten.“ Das war etwas Zentrales, was sie aus den Vorgesprächen mit der Schulpsychologischen Beratungsstelle mitgenommen hatten. „Es durfte in jenen Tagen nicht weitergehen, als wäre nichts geschehen“, sagt Röder. „Wer verschweigt, übergeht oder verdrängt, der hilft den Schülern nicht, sondern belastet sie.“

Kleine Gesten sind wichtig

Es mussten nicht immer die großen Gesten sein, auch kleine Dinge waren den Schülern wichtig, damit sie spürten, dass die Situation ernst genommen wurde. Röder erinnert sich an ein Mädchen, dass zum Sekretariat kam, um zu fragen, ob die Lehrerin wirklich nicht zur Fortbildung gefahren war. Röder hatte das für den Fall versprochen, dass die Mitschülerin starb. „Sie wollte nur hören, dass ich tatsächlich in der Schule geblieben war – das reichte ihr.“

Natürlich gehörten auch Gottesdienste, die Teilnahme an der Beerdigung und Unterrichtsstunden, die sich mit dem Tod beschäftigten, zur Aufarbeitung der Situation. „Aber nicht, um die Ereignisse katechetisch-produktiv zu nutzen“, sagt Bruder Konrad. Sondern um Lebenshilfe zu geben: „Wenn nicht in diesem Moment, wann dann?“, fragt er. „Wir wollten Beispiel sein und praktisch zeigen, wie wir mit dem Schmerz umgehen, wie wir uns nicht überrollen lassen, wie wir wieder auf die Beine kommen.“

Irgendwann beginnt das Aufräumen

Einige Tage nach der Beerdigung traf der Canisianer vor dem Meditationsraum den Klassenlehrer und Klassenkameraden der Verstorbenen. „Wir haben aufgeräumt“, sagten sie. Die Kerzen waren eingesammelt, die Blumen weg, die Zettel mit den Worten der Mitschüler abgeheftet. „Sie hatten auch innerlich aufgeräumt, schafften es, zum Alltag zurückzukehren.“

Dieses Gefühl teilt auch die Religionslehrerin. „Beim Schulgottesdienst kurze Zeit später war schon eine ganz andere Atmosphäre als nur wenige Tage zuvor.“ Röder erinnert sich an Luftballons und befreite Gespräche. „Gerade die engsten Freundinnen und Freunde, die in den Tagen um den Tod der Schülerin besonders viel Zeit und Raum gebraucht hatten, wirkten gelöst.“ Das habe nichts mit Vergessen oder Verdrängung zu tun, sagt sie. „Wir sitzen auch jetzt noch manchmal in der Schulbank und weinen gemeinsam.“ Aber es habe etwas mit der Antwort zu tun, die sie sich in der unbegreiflichen Situation gemeinsam gegeben hätten: „Erklärbar ist es nicht, aber zu meistern.“