Seelsorger in Corona-Zeiten (4)

Diakon Rintelen aus Kleve findet neue Sensibilität

„Meine Hauptzielgruppe war nur noch sehr schwer zu erreichen“, sagt Stephan Rintelen. Als Diakon in der Pfarrgemeinde Zur heiligen Familie in Kleve ist sein häufigster Weg der zu den Menschen, denen es schwerfällt, sich selbst zu Angeboten der Kirche aufzumachen. Vor allem Bewohner von Seniorenwohnheimen und Pflegeeinrichtungen gehören dazu. Deren Türen aber wurden durch die Corona-Verordnungen auch für ihn lange komplett geschlossen.

„Es war schwer, Alternativen für den direkten Besuch zu finden“, sagt Rintelen. In normalen Zeiten sitzt er oft lange mit alten und kranken Menschen zusammen – am Bett, am Tisch oder auf der Parkbank. „Der direkte Kontakt ist wichtig – das Gespräch, das Lächeln, auch mal das Halten der Hand.“ Dafür nimmt der 74-Jährige sich sonst immer Zeit. „Als Rentner habe ich viel davon.“

Telefon ist kein Ersatz

Er musste aufs Telefon umstellen. „Was nicht annähernd ein Ersatz war.“ Aber trotzdem wichtig – das hörte er aus den Gesprächen mit den Menschen in den Einrichtungen und daheim immer wieder heraus. „Da gab es viel Dankbarkeit, gerade von denen, die durch die Quarantäne nicht so viel Kontakt nach außen hatten – jene, die auch sonst zumeist ohne Familienbesuche auskommen müssen.“ Ihnen fehlte der Besuch des Diakons, einer ihrer festen Termine im Wochenplan.

Da spürten sie die Grenzen besonders stark, weil wichtige Gewohnheiten wegfielen. Dinge, die einen großen Stellenwert im Alltag haben, geben vor allem alten Menschen intensiven Halt, weiß der Diakon. Und nennt ein Beispiel: „Was macht eine 94-Jährige im Pflegeheim, wenn sie sonst von mir jede Woche die heilige Kommunion gebracht bekommt? Das ist ein absolutes Highlight für sie, religiös, emotional, sozial.“ Durch die Quarantäne aber fällt diese Orientierung plötzlich weg. Ein Anruf kann das kaum aufwiegen, auch weil die alte Dame dazu nicht mehr rüstig genug ist.

Die Nähe des Diakons

Aber auch ihm fehlte in der Seelsorge in vielen Situationen diese Nähe. Es wurde ihm deutlich, wie sehr auch er an gewohnte Zeichen, kleine Begebenheiten und Rituale gewöhnt ist. Wenn bei der Taufe die Salbung des Kindes nicht mehr möglich war. Wenn bei der Beerdigung der vorangehende Trauergottesdienst nicht erlaubt war. Wenn die menschliche Nähe, die ihm als Diakon aufgetragen ist, nur mit Abstand funktionieren durfte.

Selbst für einen altgedienten Diakon wie ihn haben solche Momente noch einmal den Blick für die Sorgen der Menschen geweitet. „In dieser außergewöhnlichen Situation erfahre ich sehr viel über Gefühle und Nöte“, sagt er. „Die Corona-Zeit hat mir noch mehr Sensibilität dafür gebracht, welche Dinge den Menschen zusetzen können.“ Welche kleinen Schritte es manchmal sein können, die für Zufriedenheit und Glück sorgen.

Es bleibt eigenartig

Die derzeitige Situation bleibe für ihn „eigenartig“, sagt Rintelen. „Weil ich immer wieder neue Wege finden muss, um Wegfallendes auszugleichen.“ In seinen Augen zeigt sich in dieser Zeit aber eine Herausforderung, die in Zukunft ohnehin auf die Kirche zukommen wird. „Wenn zu den Gottesdiensten und zentralen Angeboten nur noch wenige kommen, müssen wir die Menschen immer mehr in ihrem Umfeld aufsuchen, um ihnen nah zu sein – auch wenn das unter schweren Bedingungen geschehen muss.“ Und genau das ist für ihn die Kernaufgabe des Diakons.