Umfangreiche Arbeiten an der Bemalung des Ziffernblatts

Die Astronomische Uhr in Münster wird restauriert - und tickt weiter

Die Uhr hinter der Bauplane tickt. Und zur vollen Stunde erklingt auch derzeit das Glockenwerk. Die Zeit läuft weiter, und die Astronomische Uhr schlägt ununterbrochen ihren Takt, ruhig und präzise. Auch wenn sie im Moment nicht zu sehen ist.

Neun Mal hallen die Glocken gerade aus dem Inneren der fast acht Meter hohen Holzkonstruktion. Die Morgenmesse ist vorbei, der Arbeitstag von Marita Schlüter beginnt. Jetzt kann die Restauratorin mit ihren Kolleginnen das Gerüst vor der Uhr besteigen. Acht Stunden lang werden sie nah an deren Bemalung heranrücken. Fast 500 Jahre ist diese alt. Die Zeit hat Spuren hinterlassen.

Zeiger sind abmontiert

Warum wurde die Astronomische Uhr gebaut?
Die erste astronomische Uhr im münsterschen Dom wurde bereits Anfang des 15. Jahrhunderts  gebaut. Nach ihrer Zerstörung während der Täuferbewegung wurde von 1540 bis 1542 die jetzige Uhr erstellt. Im Laufe der Zeit schlossen sich mehrere Ergänzungen, Reparaturen und Restaurierungen an.

Vor dem Ziffernblatt gehen Scheinwerfer an. Für  ihre Arbeit brauchen die Spezialistinnen klare Sicht. Es wird filigran. Mit feinsten Pinseln und Skalpellen geht es an die Farb- und Konservierungsschichten. „Unser Hauptwerkzeug ist das Wattestäbchen“, sagt Schlüter. Vorsichtig wird die Firnis abgetragen, jener farbloser Überzug, den frühere Restauratoren benutzten, um Farben zu schützen und dem Bild Tiefenwirkung zu verleihen.

Heute hat dieser Überzug an einigen Stellen seine Klarheit verloren. Gelblich schimmert die Schicht und verfälscht die ursprüngliche Ausstrahlung des Kunstwerks. Schlüter macht  früheren Konservatoren keinen Vorwurf für Schwachstellen in ihrer Bearbeitung. „Wir haben immer im Blick, unter welchen Bedingungen die Menschen hier damals gearbeitet haben.“

Neues Wissen, neue Technik

Welche Aufgabe hatte die Astronomische Uhr?
Früher war es die Aufgabe des Klerus, die Termine der religiösen Feste zu bestimmen. Dafür bedurfte es genauer astronomischer Kenntnisse, besonders um die terminlich wechselnden Feiertage anhand von Mondverlauf und Sternenbildern zu datieren. Heute noch richtet sich der liturgische Kalender danach.

Die Voraussetzungen haben sich geändert. Wissen, Arbeitsmaterial und Technik sind heute viel weiter. Die Uhr erinnert mit jedem Ticken an rasante Entwicklungen. Auch jetzt, wenn ihre Zeiger nicht wandern. Sie sind abmontiert worden, um den Weg für die Bearbeitung der Bemalung frei zu geben. Auch das Rete, jene 110 Kilogramm schwere Scheibe, auf der sonst der Verlauf der Sterne zu sehen ist, ist in ein Atelier gewandert, um dort bearbeitet zu werden. Genauso wie die vielen Figuren, die siebeneckigen Kästen mit den Namen der Planeten und einige andere Kleinteile.

Ding! Die Glocke zur vollen Stunde lässt die Frauen auf dem Gerüst nicht mehr hochschrecken. Dafür sind sie viel zu konzentriert bei der Sache. Zentimeter für Zentimeter arbeiten sie sich über das mehr als mannshohe Ziffernblatt. Viele Lösungsmittel-Mischungen stehen ihnen dafür zur Verfügung. „Wir haben lange getestet, um exakt die richtige Wirkung für die unterschiedlichen Materialien zu haben“, sagt Schlüter. Vorsicht ist geboten. Die eigentlichen Farbschichten dürfen nicht angegriffen werden. „Wir wollen ja möglichst nah an die Anmutung von vor 500 Jahren herankommen.“ Damals wurde das Holz vom münsterschen Künstler Ludger tom Ring bemalt.

Der Hammer des „Tods“

Was zeigt die Astronomische Uhr an?
Die Uhr hat eine Vielzahl an Funktionen. Unter anderem gibt sie umfangreiche Informationen zu Tagen, Monaten und Jahreszahlen. Auch einzelne Festtage wie der Ostertermin jedes Jahres sind abzulesen. Der Stand von Planeten und der Sonne wird gezeigt. Und auch die Tierkreiszeichen sind erkennbar. Tagesheilige und unbewegliche Kirchenfeste gehören zur Anzeige.

Viertel nach zehn: Wieder läutet eine Glocke, etwas leiser. Eine Etage höher auf dem Baugerüst hat der Hammer des „Tods“ sein Werk verrichtet. Allerdings ist derzeit nur sein mechanischer Arm zu sehen. Das Skelett ist im Atelier. Genauso wie der Zeitgott Chronos, der sonst daneben steht. Im Augenblick dreht er seine Sanduhr  nicht. – Sie erinnert alle 15 Minuten an den Tod. Jetzt macht Chronos eine Pause.

Auch der „Tutemann“ bleibt nicht still. Jener „Liebling der Münsteraner“, wie ihn Schlüter nennt. Zwar ist auch diese Figur für die Restaurierung weggebracht worden, der Blasebalg hinter der Holzfront aber arbeitet weiter. Die Beziehung der Menschen zum Kunstwerk ist der Restauratorin wichtig. Sie ist nicht nur handwerklich und kunsthistorisch interessiert. Sie weiß, welch persönliche Bedeutung die Uhr haben kann.

Unter dem Gerüst, an dem ein Foto der Uhr in Originalgröße die Sicht auf die Arbeiten verdeckt, kam sie vor einigen Tagen mit einem alten Mann ins Gespräch. Er schilderte, wie er sich nach dem Krieg auf den beschwerlichen Weg von Warendorf nach Münster machte, um die Uhr das erste Mal in seinem Leben zu sehen. „Er konnte sich daran erinnern, wie er durch den Schutt des zerstörten Doms ging, durch den eigens ein Gang zur Astronomischen Uhr eingerichtet worden war.“ Heute kommt er immer noch regelmäßig.

Keine Monotonie für die Restauratorinnen

Was sind die besonderen Attraktionen der Astronomischen Uhr?
Um zwölf Uhr Mittag treten die Figuren der Heiligen Drei Könige in Erscheindung und verneigen sich vor Maria mit dem Jesuskind. Ihr Rundgang wird vom Glockenklang begleitet. Zur vollen Stunde trompetet das „Tutenmännchen“. Zum Stundenviertel dreht der Zeitgott Chronos seine Sanduhr.

Es sind diese Momente, die ihre Arbeit nie monoton werden lassen. „Immer geschieht  Überraschendes, jeden Tag entdecken wir Neues.“ Wie jene Schicht, die vor Kurzem zum Vorschein kam, noch unter der Farbe von  Ludger tom Ring. Sie vermutet, dass eine alte Darstellung der Sterne unter der Weltkarte zu finden ist. „Es dürfte sich um die Originalfassung von 1542 handeln.“

Mit einem mobilen Röntgengerät wird das bald geprüft. Erst dann steht der nächste Arbeitsschritt an: die Nacharbeit der Farben. Auch das wird mit großer Präzision geschehen. Die Ruhe dürfen sie dabei nicht verlieren. Auch wenn der Großteil der Arbeiten bis zum Katholikentag 2018 fertig sein soll.

Genauigkeit geht vor Geschwindigkeit

„Uns kommt es nicht auf Geschwindigkeit, sondern auf Genauigkeit an“, sagt Schlüter. Genauso wie der Uhr. Sie tickt weiter – ruhig und gleichmäßig, ohne Zeitdruck. Wenn sie fünf Mal schlägt, ist der Arbeitstag der Restauratorinnen beendet. Dann beginnt die Vesper im Dom.