Lexikon des Judentums (23)

Die hebräische Sprache einfach übersetzen? Unmöglich.

Anzeige

Wissen ist das beste Mittel gegen Vorurteile und Antisemitismus. Zum Jubiläum „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ erläutert diese Serie Begriffe jüdischen Glaubens – diesmal von Jesaja Michael Wiegard. Der politisch engagierte Christ und Theologe hat ein gutes Jahrzehnt als Benediktiner gelebt.

Kaum ein Buch hat in Aufnahme und Ablehnung die Welt so geprägt wie seit über zweieinhalb Jahrtausenden die hebräische Bibel. Der schriftliche Text ist über Jahrhunderte gewachsen, aus den Strukturen der mündlichen Rede heraus als kulturelles Gedächtnis einer Erinnerungsgemeinschaft auf Papyrus und Pergament aufgezeichnet. Die Erinnerung dann aus unterschiedlichen Gründen festgefroren, neu geschrieben, weitererzählt, neu geschrieben, immer aber: übersetzt.

„Hebräisch“ ist aus dem Alltag in die Liturgie gewandert, aus der Alltagssprache in die Wissensbereiche der Gelehrten der Religionen. Manchmal schlicht ersetzt durch die  „Übersetzung“ ins Griechische, Lateinische, später in die lokalen Sprachen und Dialekte bis zur Jugendsprache des letzten Jahrtausends, die aus „JHWH“ den „Großen Boss“ zu machen suchte.

Zwei Gesichter der Wirklichkeit

Kaum eine Sprache weigert sich so konsequent, „auf den Punkt“ gebracht zu werden. Mit Vorliebe zeigt sie die mindestens zwei Gesichter der Wirklichkeit schon in ihrer Sprachform auf: Es sind „Himmel und Erde“, „Irrsal und Wirrsal“, „Mann und Frau“. Und die Grundidee, Wörter aus Wortwurzeln zu bilden, in der Mehrzahl aus drei Konsonanten, macht es möglich, den geschriebenen Text immer wieder auch neu zu sehen, sich nicht auf einen ein-eindeutigen Sinn festzulegen. Ändert sich die Zuordnung von Vokalen zu Konsonanten, ändert sich der Sinn des Wortes. Aus „Liebe deinen Nächsten“ kann so „Liebe dein Böses“ werden – und das grundlegende Gottesgebot zum Anlass grundlegender Selbstreflexion: Bin ich bereit, mein Böses anzunehmen, das zu mir als Mensch gehört – oder bekämpfe ich es lieber im Anderen?

Kaum ein Gelehrter hat das Denken und die Sprachformen des Hebräischen so sehr fruchtbar gemacht wie Martin Buber. Sein Leitmotiv war es, die „latente Theologie der Schrift“, die er immer als laut Gelesene, als „Gerufene“ gesehen hat, zu übertragen in einen Austausch mit dem Heute.

Dialogisches Prinzip der Schrift

Keine Wort-für-Wort-Übersetzung schien ihm möglich, sondern eine Nachschöpfung, um die er gemeinsam mit Franz Rosenzweig erfolgreich gerungen hat. Das „dialogische Prinzip“, das Werden im gegenseitigen Austausch, durchzieht das Gesamtwerk – Bubers und der Schrift.

Nirgends wird die Freiheit der Schrift gegen jede final definierende Festlegung deutlicher als in einem Satz Bubers zur Übersetzung von „ruach“: „Die Schrift denkt nicht lexikalisch, sondern elementar, und sie will, dass ihr Leser denke wie sie, will hier, dass die Bewegung von Gott her, die vor aller Differenzierung ist, undifferenziert, aber sinnlich-lebendig sein hörendes Ohr treffe.“ „Die Schrift“ stellt uns so vor die Herausforderung, Glaubensimpulse ganz elementar aus ihr zu erheben und sie mit Leib und Seele zu leben.

So verlebendigt sich „die Schrift“ erst im Sprechen durch die erinnerte Aussprache durch den Körper der Lesenden; die von den Hörenden gehört wird, wird aus dem elementaren Gottesdenken ein vertrauendes Leben im Dialog.

Der Autor
Jesaja Michael Wiegard (geb. 1967) ist politisch engagierter Christ und Theologe, arbeitet in der beruflichen Erwachsenenbildung und hat ein gutes Jahrzehnt im Sauerland als Benediktiner gelebt.
Jesaja Michael Wiegard (geb. 1967) ist politisch engagierter Christ und Theologe, arbeitet in der beruflichen Erwachsenenbildung und hat ein gutes Jahrzehnt im Sauerland als Benediktiner gelebt.

Anzeige