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Thomas Söding zur Reformbereitschaft der Kirche

Die Kirche braucht eine Koalition der Willigen und Fähigen

Was kann die kriselnde Kirche von Jesus und seinen Begegnungen mit den Schwachen und Abtrünnigen lernen? Sehr viel, kommentiert Thomas Söding in Hinblick auf die notwendigen Reformen in der katholischen Kirche.

Der Evangelist Lukas erzählt von einer besonderen Szene im Leben Jesu: Zehn Menschen werden von ihrem Aussatz geheilt, einer kehrt um und geht zu Jesus zurück, weil er sich bei ihm bedanken will. „Und der war ein Samariter“.

Für die jüdischen Landsleute Jesu ist diese Pointe überraschend. Denn von einem Samariter, einem verfeindeten Verwandten, hätten sie alles erwartet, nur kein vorbildliches Verhalten. Aber Jesus sagt sogar: „Dein Glaube hat dich geheilt“. Er selbst hat diesen Glauben geweckt und ihm die Kraft der Heilung zugesprochen. Aber er hat ihn nicht aufgezwungen oder übergestülpt, sondern gesucht und gefunden.

Jesus wendet sich Menschen am Rand zu

Das Lukas-Evangelium kennt viele solcher Begegnungen: Während die Jünger Jesu sich schwertun, ihren Meister zu verstehen, sind es immer wieder Menschen von außen und am Rande, die Jesus Glauben schenken: Abtrünnige, Sünder, Kranke. Maria Magdalena gehört dazu, der heidnische Hauptmann von Kapharnaum, die Frau, die Jesus die Füße salbt, der Oberzöllner Zachäus. 

Jesus geht an ihnen nicht vorüber. Er schreibt sie nicht ab. Er wendet sich ihnen zu. Dadurch öffnet er die Augen und weitet das Herz der Jünger: Sie sind berufen, zusammen mit diesen Menschen Gott und die Welt neu zu entdecken. 

Blickwechsel ist notwendig

Der Autor
Thomas Söding ist Professor für die Exegese des Neuen Testaments an der Ruhr-Universität Bochum. Als Berater der Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz und Vizepräsident des Synodalen Wegs engagiert er sich für die Reform der katholischen Kirche. Er lebt in Münster.

Die Lernkurve ist nach wie vor steil. Wie sollen die Engagierten und Verantwortlichen all diejenigen sehen, die andere als die kirchlichen Interessen verfolgen? Wie diejenigen, die aus der Kirche austreten? Wie diejenigen, die von den Hohepriestern der traditionellen 
Sexualmoral als sündig hingestellt werden? 

Ein Blickwechsel ist notwendig: eine echte Umkehr, ein großes Gottvertrauen, eine neue Dankbarkeit für die Vielen, die auf ihren eigenen Wegen zu sich selbst finden, zu ihrer Heilung und darin indirekt zu Gott und Jesus, auch wenn sie der Kirche den Rücken kehren. Und ein neuer Respekt für diejenigen, die bleiben, damit die Kirche nicht bleibt, wie sie ist. 

Konfliktscheu und Schönfärberei sind von Übel. Aber Rechthaberei und Besserwisserei sind toxisch. Die Kirche braucht Koalitionen der Willigen und Fähigen, um die befreiende Kraft des Evangeliums zu vermitteln. Jesus hat Bündnisse für Gottes- und Nächstenliebe geschmiedet. Auf dem Feld der Caritas setzt der barmherzige Samariter die Maßstäbe.

In unseren Gast-Kommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.