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Eine Serie von Pfarrer Stefan Jürgens

Die kleine Gebetsschule (14): Beten lernen – vorbeten können

Wegen der Corona-Krise gibt es derzeit keine öffentlichen Gottesdienste. Pfarrer Stefan Jürgens aus Ahaus lädt deshalb zu einer kleinen Gebetsschule für zu Hause ein. Jeden Morgen ab 7.30 Uhr. Heute mit Teil 14.

Wegen der Corona-Krise gibt es derzeit keine öffentlichen Gottesdienste. Pfarrer Stefan Jürgens aus Ahaus lädt deshalb zu einer kleinen Gebetsschule für zu Hause ein. Die Impulse bauen aufeinander auf. „Das persönliche Gebet ist mir ein Herzensanliegen“, sagt Jürgens. Viele hätten jetzt Zeit dafür. Jeden Morgen ab 7.30 Uhr gibt es an dieser Stelle eine neue Folge seiner "kleinen Gebetsschule".

Man kann nur mit dem Herzen beten, wenn der Mund das Beten gelernt hat. Meine Glaubenssprache ist auf mich zugekommen. Ich muss den Glauben und das Gebet also nicht erst erfinden. Das Vaterunser zum Beispiel habe ich nicht aus Büchern gelernt, sondern meinen Eltern von den Lippen abgelesen; ich stelle mich damit in eine Erfahrung hinein, die immer größer ist als mein eigener Glaube je sein kann.

Weitere Beispiele für diesen „größeren Horizont“ sind manche alte Kirchenlieder, die ich nur noch singen, aber nicht mehr beten kann, und das Glaubensbekenntnis – da kann ich etwas Umfassendes bekennen, auch wenn ich alles gar nicht so verstehen und glauben kann, wie es da steht, weil sich Sprache und Denken geändert haben. Es steht für das Größere des Glaubens, in dem ich stehen und Ruhe finden darf.

Wenn es mir die Sprache verschlägt

Pfarrer Stefan Jürgens (51) ist Pfarrer in Ahaus. Bekannt geworden ist er auch als Buch-Autor, vor allem durch sein jüngstes Buch "Ausgeheuchelt". | Foto: Christof HaverkampPfarrer Stefan Jürgens (51) ist Pfarrer in Ahaus. Bekannt geworden ist er auch als Buch-Autor, vor allem durch sein jüngstes Buch "Ausgeheuchelt". | Foto: Christof Haverkamp

Gebete können und dürfen nicht immer neu sein. Beim gemeinschaftlichen Beten schaffen immer gleiche und daher verlässliche Worte Identität und Atmosphäre. Wenn ich mitbeten kann, gehöre ich dazu. In Krisensituationen bin ich nicht mehr kreativ. Wenn’s mir die Sprache verschlägt, dann gehen die Worte aus; ich brauche einfache, sich wiederholende Worte, die kommen, weil sie „da“ sind und ins Leben „einfallen“; Worte, in denen mein eigener kleiner Glaube Geborgenheit und Halt findet. Solche Grundgebete muss ich „können“ und „kennen“, auswendig und inwendig: von Herzen. Das Christentum ist ein Glaube des Wortes, da komme ich ohne ein bisschen Hirnschmalz nicht aus. Es gibt einen Gebetskanon, den ich einfach „drauf“ haben muss.

Zu diesen Grundgebeten gehören auch und vor allem die Psalmen. Sie sind die Gebete Jesu und seines Volkes. Sie bestimmen die Tagzeitenliturgie (das Stundengebet) der Kirche. Wenn ich darin wirklich zu Hause bin, geht mir als Vorbeter niemals die Luft aus. Kaum ein anderes Gebet bringt das Leben der Menschen so deutlich in Wort und Bild wie das der Psalmen. Sie sind dabei „offen“ und „konkret“ zugleich, so dass jeder seine eigene Lebenssituation darin gut wiederfinden kann. Ich kenne ganz viele davon auswendig. Jesus konnte sie alle.

„Betet er das nur herunter, oder betet er?“

Christen dürfen Vorbeter sein: Ein Gebet in der gemeindlichen oder gesellschaftlichen Öffentlichkeit, dazu noch ein selbst formuliertes, ist ein echtes und deutliches Glaubenszeugnis. Die Außenwahrnehmung ist sehr sensibel dafür, ob ich nur für Tradition und Institution oder auch für gelebten Glauben und Spiritualität einstehe. Man fragt dann: „Betet er das nur herunter, oder betet er?“ Wie im Glauben, so gilt auch beim Beten und Vorbeten: Anbieten ist besser als aufzwingen, Zeugnis geben ist besser als nur zu überzeugen!

Wer Gottesdienste vorbereiten darf, macht die Erfahrung, dass Gebete meistens schneller und unkomplizierter selbst zu formulieren sind, als dass lange in Vorlagen nach passenden Texten gesucht wird. Das Ergebnis ist dann meistens ein Gebet, das sprachlich und situativ weitaus besser aus der Gemeinde heraus spricht als jeder ausgewählte fertige Text.

Was wir beten, kommt beim Vater an

Eine gute Hilfe bei der Formulierung eigener Gebete ist die Orientierung am liturgischen Gebet der Kirche. In der Liturgie beten wir immer zum Vater durch Christus im Heiligen Geist. Christus, unser Bruder, steht uns zur Seite; Er nimmt unsere Freuden und Sorgen gleichsam mit zum Vater, Er „vermittelt“ sie. Deshalb schließt jedes liturgische Gebet so: „durch Christus, unseren Herrn“. Und weil es ein und derselbe Heilige Geist ist, der uns in Taufe und Firmung zugesagt wird und der als lebendige Liebe in Gott selber lebt, dürfen wir sicher sein, dass der Dreieinige Gott unser Beten zugleich ermöglicht (Geist), vermittelt (Sohn) und erhört (Vater). Gott, der Vater, der alles in allem ist, erhört durch seinen Sohn Jesus Christus, den Gott-mit-uns, den Erlöser und Heiland, das, was wir im Heiligen Geist, dem Gott-in-uns, beten. Was wir beten, kommt beim Vater an: durch Christus im Geist. Es „geschieht“ ja bereits in Gott.

Die liturgische Form, die beim eigenen Beten und Vorbeten helfen kann, ist ganz einfach:  „Anrede – Dank – Bitte – Schluss“. Diese Struktur ist leicht zu merken, und sie bewahrt mich davor, Gott nur mit Bitten und Wünschen zu überhäufen, ohne Ihn zu loben, zu preisen und Ihm erst einmal zu danken; sie bewahrt mich davor, Ihn nur zu „gebrauchen“, ohne Ihn auch zu „lieben“ und Ihm das zu sagen.

Warum „Lieber Gott!“ nicht sinnvoll ist

Anrede: Wie möchte ich Gott ansprechen? In welchen Bildern möchte ich mich vor Ihn stellen? Gott hat sicher mehr als tausend Namen. Welche Anrede „trifft“  jetzt am ehesten?

Nur eine Anrede ist – außer vielleicht beim Beten mit Kindern – nicht sinnvoll: „Lieber Gott!“ So einfach ist das Leben nicht, so bürgerlich lieb und brav ist Gott nicht zu haben. Möglich wäre allerdings eine andere Schreibweise: „Der Liebe Gott“, also der Gott der Liebe und nicht bloß der „liebe Gott“.

„Durch Christus, unseren Herrn“

Dank: Das kann bedeuten: Danken für das, was ist, und für das, was war; auch Schrei und Klage sind erlaubt; zum Ausdruck bringen, wer ich vor Gott bin.

Bitte:  Jetzt erst kommt mein Gebetsanliegen, meine und unsere Bedürftigkeit zur Sprache. Bitte, das kann ein Blick in die Zukunft sein; eine Hoffnung, eine Frage.

Schluss: Der übliche Gebetsschluss lautet „durch Christus, unseren Herrn“. Ich mache mir bewusst, dass Gott mein Beten wirklich hört. Betend bin ich hinein genommen in das Geheimnis und die Lebendigkeit des Dreieinigen Gottes.

Das Herz braucht Freiheit

Wem eine Struktur eher hinderlich ist, als dass sie ihm hilft, der kommt aber auch ganz gut ohne aus. Das Herz, das sich zu Gott erhebt, braucht Freiheit, Fantasie, Liebe. Wer es trotzdem einmal mit dieser Form „Anrede – Dank – Bitte – Schluss“ probieren möchte, der kann am besten mit Tischgebeten beginnen. Frei formulierte Tischgebete sind ein guter Anfang – und ein echtes Glaubenszeugnis mitten im Alltag.

Bis morgen!
Stefan Jürgens

Pfarrer Stefan Jürgens spricht in der Woche vom 30. März bis 4. April in Kirche in WDR 3 (7.50 Uhr) und WDR 5 (6.55 Uhr).
Herzliche Einladung zur Übertragung der Eucharistiefeier
aus dem Paulusdom in Münster montags bis samstags um 8 Uhr und aus der Lambertikirche in Münster um 18 Uhr: www.kirche-und-leben.de

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