Eine Serie von Pfarrer Stefan Jürgens

Die kleine Gebetsschule (16): Beten ist Vertrauensarbeit

Wegen der Corona-Krise gibt es derzeit keine öffentlichen Gottesdienste. Pfarrer Stefan Jürgens aus Ahaus lädt deshalb zu einer kleinen Gebetsschule für zu Hause ein. Die Impulse bauen aufeinander auf. „Das persönliche Gebet ist mir ein Herzensanliegen“, sagt Jürgens. Viele hätten jetzt Zeit dafür. Jeden Morgen ab 7.30 Uhr gibt es an dieser Stelle eine neue Folge seiner "kleinen Gebetsschule".

Gottvertrauen ist eine Haltung, die mich in Gelassenheit leben lässt. Zwar versuche ich so zu handeln, als ob es allein auf mich ankäme; Gott soll ja nicht Lückenbüßer meines Unvermögens sein. Aber ich versuche so zu vertrauen, als ob alles von Gott abhinge. So finden Glaube und Leben zusammen, ganz konkret.

Wie finde ich zu diesem Vertrauen? Allein durch das Gebet. Beten hilft, im Gleichgewicht zu bleiben. Ich verfalle weder in einen blinden Aktionismus noch in eine fatalistisch-naive Frömmigkeit, wenn ich mein Leben vor Gott offen ausspreche.

„Nachtherbergen für die Wegwunden“

Die besten Beispiele für ein solches Beten finde ich in den Psalmen. Nirgendwo in der Bibel beten Menschen so ehrlich, so wahrhaftig, so ohne Denk- und Sprechverbote wie hier. Die Psalmen sind wirklich „Nachtherbergen für die Wegwunden“ (Nelly Sachs). Es gibt nichts Menschliches, das nicht auch vor Gott Bedeutung hätte.

Durch das regelmäßige Beten kenne ich schon viele Psalmen auswendig. Diese Texte haben vielen Menschen durch die dunkelsten Stunden ihres Lebens begleitet. Und der Glaube hat Stand gehalten.

Zum Beispiel Psalm 22

Beten ist Vertrauensarbeit, ein Beziehungsgeschehen zwischen einem Menschen, dessen Schicksal auf der Kippe steht, und dem lebendigen Gott. Der Beter betet sich in Gott hinein und findet neu zum Vertrauen. Dazu ein Beispiel: Psalm 22. Ich schreibe zwischen die Verse eine kleine Hilfe zum Verstehen. Man sollte den Psalm jedoch im Ganzen lesen – aus der Bibel.

Anrufung aus der Situation:

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen,
bist fern meinem Schreien, den Worten meiner Klage?
Mein Gott, ich rufe bei Tag, doch du gibst keine Antwort;
ich rufe bei Nacht und finde doch keine Ruhe.

Erinnerung an die Heilsgeschichte:

Aber du bist heilig, du thronst über dem Lobpreis Israels.
Dir haben unsre Väter vertraut,
sie haben vertraut, und du hast sie gerettet.
Zu dir riefen sie und wurden befreit,
dir vertrauten sie und wurden nicht zuschanden.

Die bedrängende Gegenwart:

Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch,
der Leute Spott, vom Volk verachtet.
Alle, die mich sehen, verlachen mich,
verziehen die Lippen, schütteln den Kopf:
«Er wälze die Last auf den Herrn, der soll ihn befreien!
Der reiße ihn heraus, wenn er an ihm Gefallen hat.»

Ein erster Durchbruch – Zukunft in der Gottesbeziehung:

Du bist es, der mich aus dem Schoß meiner Mutter zog,
mich barg an der Brust der Mutter.
Von Geburt an bin ich geworfen auf dich,
vom Mutterleib an bist du mein Gott.

Krise und Umbruch: Das Aussprechen der anonymen Mächte – in starken Bildern – schafft innere Distanz, ist heilsam. Das Unheil wird nicht verdrängt, sondern ehrlich benannt:

Sei mir nicht fern, denn die Not ist nahe,
und niemand ist da, der hilft.
Viele Stiere umgeben mich,
Büffel von Baschan umringen mich.
Sie sperren gegen mich ihren Rachen auf,
reißende, brüllende Löwen.
Ich bin hingeschüttet wie Wasser,
gelöst haben sich all meine Glieder.
Mein Herz ist in meinem Leib wie Wachs zerflossen.
Meine Kehle ist trocken wie eine Scherbe,
die Zunge klebt mir am Gaumen, du legst mich in den Staub des Todes.
Viele Hunde umlagern mich,
eine Rotte von Bösen umkreist mich.
Sie durchbohren mir Hände und Füße.
Man kann all meine Knochen zählen;
sie gaffen und weiden sich an mir.
Sie verteilen unter sich meine Kleider
und werfen das Los um mein Gewand.
Du aber, Herr, halte dich nicht fern!
Du, meine Stärke, eil mir zu Hilfe!
Entreiße mein Leben dem Schwert,
mein einziges Gut aus der Gewalt der Hunde!
Rette mich vor dem Rachen des Löwen,
vor den Hörnern der Büffel rette mich Armen!

Pfarrer Stefan Jürgens (51) ist Pfarrer in Ahaus. Bekannt geworden ist er auch als Buch-Autor, vor allem durch sein jüngstes Buch "Ausgeheuchelt". | Foto: Christof HaverkampPfarrer Stefan Jürgens (51) ist Pfarrer in Ahaus. Bekannt geworden ist er auch als Buch-Autor, vor allem durch sein jüngstes Buch "Ausgeheuchelt". | Foto: Christof Haverkamp

Gotteslob – Durchbruch zum Vertrauen. Die Feindbilder lösen sich auf, Feinde werden zu Brüdern. Hier geschieht kein Wunder, sondern eine Bewusstseinsänderung: Glaubensgewissheit in größter Not! Gott ist kein magischer Wundertäter, der einen aus der Grube zieht, sondern ein freies Gegenüber, dem ich vertrauen kann; kein Talisman, kein Zauberer, sondern ein naher Gott – auch in tiefster Not.

Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden,
inmitten der Gemeinde dich preisen.
Die ihr den Herrn fürchtet, preist ihn,
ihr alle vom Stamm Jakobs, rühmt ihn;
erschauert alle vor ihm, ihr Nachkommen Israels!
Denn er hat nicht verachtet, nicht verabscheut das Elend des Armen.
Er verbirgt sein Gesicht nicht vor ihm;
er hat auf sein Schreien gehört.
Deine Treue preise ich in großer Gemeinde;
ich erfülle meine Gelübde vor denen, die Gott fürchten.
Die Armen sollen essen und sich sättigen;
den Herrn sollen preisen, die ihn suchen.
Aufleben soll euer Herz für immer.
Alle Enden der Erde sollen daran denken
und werden umkehren zum Herrn:
Vor ihm werfen sich alle Stämme der Völker nieder.
Denn der Herr regiert als König; er herrscht über die Völker.
Vor ihm allein sollen niederfallen die Mächtigen der Erde,
vor ihm sich alle niederwerfen, die in der Erde ruhen.
(Meine Seele, sie lebt für ihn; mein Stamm wird ihm dienen.)
Vom Herrn wird man dem künftigen Geschlecht erzählen,
seine Heilstat verkündet man dem kommenden Volk;
denn er hat das Werk getan.

Was Jesus am Kreuz gebetet hat

Das Vertrauen ist wieder hergestellt, weil die Not „in Gott“ schon gewendet ist – sie wird angesichts des Glaubens an den liebenden Gott nicht mehr als übermächtiges Unheil erfahren. Wer den Psalm aufmerksam liest, entdeckt sofort, dass er bei der Abfassung der Passionsgeschichten der Evangelien Pate gestanden haben muss; sehr viele Parallelen – sprachlich und in der Abfolge der Geschehnisse – legen dies nah.

Wenn Jesus diesen Psalm am Kreuz gebetet hat (vgl. Markus 15,33-37), dann hat Er sicherlich nicht nur das überlieferte „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ hinaus geschrien, sondern auch das vertrauende „Vom Mutterleib an bist du mein Gott“. Der Text der Evangelien legt dies nahe. Auch für Jesus war das Psalmenbeten Vertrauensarbeit; die Gebete, die Er kannte, entfalteten ihre Kraft, als Er sie brauchte. Auch Jesus betete „von außen nach innen“, und Er betete sich hinein in Gott.

Beten

Nicht der Mensch
verändert Gott –
Gott verwandelt
den Menschen.

Bis morgen!
Stefan Jürgens

Pfarrer Stefan Jürgens spricht in der Woche vom 30. März bis 4. April in Kirche in WDR 3 (7.50 Uhr) und WDR 5 (6.55 Uhr).
Herzliche Einladung zur Übertragung unserer täglichen Gottesdienste:
8.00 Uhr - Eucharistiefeier aus dem Paulusdom in Münster
17.30 Uhr - Abendgebet (Vesper) aus der Abtei Gerleve
18.00 Uhr - Eucharistiefeier aus der Lambertikirche in Münster
20.15 Uhr - Nachtgebet (Komplet) aus der Abtei Gerleve.