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Eine Serie von Pfarrer Stefan Jürgens

Die kleine Gebetsschule (19): Beten mit der Bibel

Wegen der Corona-Krise gibt es derzeit keine öffentlichen Gottesdienste. Pfarrer Stefan Jürgens aus Ahaus lädt deshalb zu einer kleinen Gebetsschule für zu Hause ein. Jeden Morgen ab 7.30 Uhr. Heute mit Teil 19.

Wegen der Corona-Krise gibt es derzeit keine öffentlichen Gottesdienste. Pfarrer Stefan Jürgens aus Ahaus lädt deshalb zu einer kleinen Gebetsschule für zu Hause ein. Die Impulse bauen aufeinander auf. „Das persönliche Gebet ist mir ein Herzensanliegen“, sagt Jürgens. Viele hätten jetzt Zeit dafür. Jeden Morgen ab 7.30 Uhr gibt es an dieser Stelle eine neue Folge seiner "kleinen Gebetsschule".

Durch die Bibel bekomme ich Anteil an den Gotteserfahrungen anderer. Allein von mir aus kann ich nicht wissen, wer Gott ist. Meine natürliche Erfahrung, mein Sinn und Verstand reichen dazu nicht aus. Und warum? Weil Gott sich in Jesus Christus ein für alle Mal und unüberbietbar geoffenbart hat; diese radikale, menschliche Nähe Gottes kann sich niemand ausdenken, sie ist absolut unwahrscheinlich und deshalb reines Geschenk. Die Bibel ist Gottes Wort in Menschenwort; sie ist nicht vom Heiligen Geist diktiert, sondern Gottes Geist wirkt, wenn die Worte, die menschliche Erfahrungen mit Gott widerspiegeln, mein Herz treffen und mich zum Glauben und Handeln herausfordern.

Christliches Beten geht daher nicht ohne Bibel. Mein Umgang mit der Bibel soll zum Gebet werden – und zur Tat. Schon das regelmäßige Lesen in der Bibel, das Hören auf das verkündete Wort können Gebet sein. Und es gibt in der Bibel selbst viele Gebetstexte, die aus einer langen Glaubenstradition herkommen: Gebete aus der Geschichte Israels, die Psalmen, Gebete der Propheten, das Gebet Jesu und die liturgischen Texte der frühen Christengemeinden, die in den neutestamentlichen Briefen überliefert sind. Beten mit der Bibel heißt deshalb zuerst: Beten mit den Texten der Bibel, den Urtexten des Glaubens also. Eine Auswahlhilfe ist die Orientierung an den Tageslesungen der Liturgie oder den täglichen Losungen der Brüdergemeinde.

Einfach mal umformulieren

Pfarrer Stefan Jürgens (51) ist Pfarrer in Ahaus. Bekannt geworden ist er auch als Buch-Autor, vor allem durch sein jüngstes Buch "Ausgeheuchelt". | Foto: Christof HaverkampPfarrer Stefan Jürgens (51) ist Pfarrer in Ahaus. Bekannt geworden ist er auch als Buch-Autor, vor allem durch sein jüngstes Buch "Ausgeheuchelt". | Foto: Christof Haverkamp

Eine zweite einfache Möglichkeit ist das sinngemäße und deutende Umformulieren von biblischen Texten, so dass sie mich unmittelbar ansprechen. Ich empfehle das manchmal in Exerzitien – es ist verblüffend einfach. Zum Beispiel so:

Der biblische Text: Die Heilung eines Gelähmten

Als er einige Tage später nach Kafarnaum zurückkam, wurde bekannt, dass er (wieder) zu Hause war. Und es versammelten sich so viele Menschen, dass nicht einmal mehr vor der Tür Platz war; und er verkündete ihnen das Wort.
Da brachte man einen Gelähmten zu ihm; er wurde von vier Männern getragen. Weil sie ihn aber wegen der vielen Leute nicht bis zu Jesus bringen konnten, deckten sie dort, wo Jesus war, das Dach ab, schlugen (die Decke) durch und ließen den Gelähmten auf seiner Tragbahre durch die Öffnung hinab.
Als Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben! Einige Schriftgelehrte aber, die dort saßen, dachten im Stillen: Wie kann dieser Mensch so reden? Er lästert Gott. Wer kann Sünden vergeben außer dem einen Gott?
Jesus erkannte sofort, was sie dachten, und sagte zu ihnen: Was für Gedanken habt ihr im Herzen? Ist es leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben!, oder zu sagen: Steh auf, nimm deine Tragbahre, und geh umher? Ihr sollt aber erkennen, dass der Menschensohn die Vollmacht hat, hier auf der Erde Sünden zu vergeben.
Und er sagte zu dem Gelähmten: Ich sage dir: Steh auf, nimm deine Tragbahre, und geh nach Hause! Der Mann stand sofort auf, nahm seine Tragbahre und ging vor aller Augen weg. Da gerieten alle außer sich; sie priesen Gott und sagten:  So etwas haben wir noch nie gesehen (Markus 2,1-12).

Das Gebet: Frei am biblischen Text entlang

Herr Jesus Christus, wärest Du doch hier in meinem Haus. Ich fühle mich manchmal wie gelähmt. Aber es gibt Menschen, die mich tragen – hin zu Dir. Menschen, die sich viel einfallen lassen, damit wir einander begegnen. Du siehst den Glauben derer, dich mich zu Dir hinbringen, den Glauben meiner Träger. Du vergibst mir meine Schuld, räumst aus dem Weg, was mich trennt von Gott. Nur Du weißt, wie es um mich steht. An Dir halte ich mich fest, mögen die Leute denken, was sie wollen. Du machst mir Mut, aufzustehen, aufzuerstehen mit Dir. „Steh auf, nimm deine Tragbahre, und geh nach Hause!“, sagst Du jetzt zu mir. Ich muss meine Tragbahre, meine Geschichte, meine Vergangenheit, meine Lähmung ansehen und in die Hand nehmen, sonst kann ich nicht gehen. Ich muss mich selber annehmen, sonst geht es nicht weiter. Ich darf meine Geschichte lieben – und Dein Wirken darin. Du gibst mir die Kraft. Ich kann zu mir stehen, kann aufrecht gehen vor aller Augen. Ich kann vor Dir bestehen. Du bist mein Standpunkt, meine Orientierung, meine Zukunft. Mit Dir möchte ich den Vater loben und preisen, denn Du schaust mich an. Ich kann mich wieder sehen lassen, seitdem Du mich auf eigene Füße gestellt hast.

Dieses einfache Schriftgebet beruht auf der Einsicht, dass biblische Texte erst dann zu sprechen beginnen, wenn ich sie auf mich selbst beziehe. Dazu braucht man sehr viel Mut, denn es ist viel einfacher, eine akribisch-wissenschaftliche Exegese anzufertigen, als einen Text ganz persönlich sprechen zu lassen.

Man kann biblische Texte leicht umformulieren, so dass sie zum Gebet werden, z.B. die „Ich-bin-Worte“ aus dem Johannesevangelium – dann wird aus „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich“ (Johannes 14,6) ein Gebet: „Herr Jesus Christus, sei Du mein Weg, meine Wahrheit, mein Leben; durch Dich darf ich zum Vater kommen“. Im Hohelied der Liebe aus dem Ersten Korintherbrief  (1 Korinther 13) kann ich das Wort „Liebe“ durch das Wort „Jesus“ ersetzen und in der zweiten Person „Du“ sprechen, und schon spricht der Text persönlich an und wird zum Gebet.

Man kann in biblischen Texten die Prädikate austauschen, und schon wird ein Wort „von“ Gott zu einem Gebet „zu“ Gott, z.B. den berühmten 23. Psalm: Aus „Der Herr ist mein Hirte“ wird dann „Herr, sei du mein Hirte“.

Oder ich schreibe Gottes Liebesbrief an mich, indem ich meinen eigenen Namen einsetze, wo Gott in der Bibel zu einem Menschen spricht, z.B. Markus 6,31, Matthäus 17,5, Hoheslied 10,6, Jeremia 1,5; besonders schön ist Jesaja 43,1: „Jetzt aber - so spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, und der dich geformt hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich ausgelöst, ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir.“ Dieser Text stand in großen Lettern über meinem Taufbrunnen, und er hat mich als Zusage Gottes, die ich zum Gebet umformuliere, immer begleitet: „Du, Herr und Gott, der Du mich gewollt hast, Du hast mich erlöst, mich beim Namen gerufen, ich gehöre Dir.“ Es gibt auch einige biblische Liebesbriefe an Gott, denen ich mich anschließen kann, z.B. Psalm 16, 19, 31, 71, 86, 139 und 145, immer in dem Bewusstsein, dass Gottes Geist im Wort der Bibel lebendig ist, wenn ich mich hier und jetzt von ihm ansprechen, in Anspruch nehmen lasse – mit Leib und Seele, mit Herz und Verstand.

BETEN MIT DER BIBEL
Ich bete wie

  • Abraham, der merkt, dass Gott mit sich reden lässt (Genesis 18,23-32)
  • Maria, die weiß, dass Gott die Kleinen liebt (Lukas 1,46-55)
  • Tobit und Sara, deren Gebet vermittelt wird vom Engel Raphael (Tobit 12,12.15)
  • Elija, der Gottes Nähe im leisen Säuseln des Windes spürt (1 Könige 19,12-13)
  • Mose, der bis ans Lebensende mit Gott in die Freiheit geht (Deuteronomium 34)
  • Habakuk, der dazu aufruft, vor Gott zu schweigen (Habakuk 2,20)
  • Jesus, der nur Gott seinen Vater nennt (Matthäus 23,9)
  • Paulus, der Jesus seinen Vater glaubt (Römer 8,15)

Bis morgen!
Stefan Jürgens

Pfarrer Stefan Jürgens spricht in der Woche vom 30. März bis 4. April in Kirche in WDR 3 (7.50 Uhr) und WDR 5 (6.55 Uhr).
Herzliche Einladung zur Übertragung unserer täglichen Gottesdienste:
8.00 Uhr - Eucharistiefeier aus dem Paulusdom in Münster
17.30 Uhr - Abendgebet (Vesper) aus der Abtei Gerleve
18.00 Uhr - Eucharistiefeier aus der Lambertikirche in Münster
20.15 Uhr - Nachtgebet (Komplet) aus der Abtei Gerleve.
In der Karwoche übertragen wir Gottesdienste mit Pfarrer Stefan Jürgens aus der Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt. Eine Übersicht finden Sie hier.

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