Eine Serie von Pfarrer Stefan Jürgens

Die kleine Gebetsschule (27): Der Rosenkranz

Wegen der Corona-Krise gibt es derzeit keine öffentlichen Gottesdienste. Pfarrer Stefan Jürgens aus Ahaus lädt deshalb zu einer kleinen Gebetsschule für zu Hause ein. Die Impulse bauen aufeinander auf. „Das persönliche Gebet ist mir ein Herzensanliegen“, sagt Jürgens. Viele hätten jetzt Zeit dafür. Jeden Morgen ab 7.30 Uhr gibt es an dieser Stelle eine neue Folge seiner "kleinen Gebetsschule".

Gebetsmethoden, die auf Wiederholung angelegt sind – für die einen langweilig und abgedroschen, ein monotones Geleier; für die anderen ganz neu entdeckt und voller meditativer Faszination. Rosenkranzbeten geht ohne besondere Konzentration und daher auch schon mal nebenbei – beim Autofahren und auf dem Fahrrad, beim Wandern und Schwimmen. Und wenn einem alle Worte fehlen, wenn man nicht mehr weiterweiß, dann flüchtet sich das Herz in diese alten Wiederholungen; statt dem Zwang zur Kreativität zu erliegen, klammert sich der kleine Glaube an immer gleiche große Worte und stellt sich demütig in sie hinein.

Die Gebetsschnur ist eine moslemische Erfindung zum Abzählen der neunundneunzig Namen Allahs; sie hat 33 Perlen, wird also dreimal „durchgebetet“. Im Mittelalter kam diese Gebetstechnik nach Europa und erhielt im Christentum eine neue Bedeutung als „Laienpsalter“. Auch im Buddhismus und Hinduismus werden heilige Worte, so genannte Mantras, durch das Drehen von Gebetsmühlen unablässig wiederholt; die Perlen der buddhistischen Mala sind eine Meditationshilfe für kraftvolle Silben, Wörter und Namen.

Wiederkäuen - eine Gebetsmethode

Pfarrer Stefan Jürgens.
Pfarrer Stefan Jürgens (51) ist Pfarrer in Ahaus. Bekannt geworden ist er auch als Buch-Autor, vor allem durch sein jüngstes Buch "Ausgeheuchelt". | Foto: Christof Haverkamp

Wiederholung bedeutet im Wortsinn: etwas zurückholen, er-innern, wieder und wieder hineinholen in die Gegenwart. Wiederholung – in der geistlichen Tradition auch „ruminatio“, Wiederkäuen genannt – bedeutet Versenkung in Gottes Gegenwart, Hinwendung des Herzens, Betrachtung des Wesentlichen, aber auch eine Art von Trance, um Zeit und Raum aufzubrechen auf das Geheimnis Gottes hin. Viele Rosenkranzbeter sind mit kindlichem Gemüt und kindlichem Vertrauen gesegnet; sie werden zum Segen, wenn sie ihre Gebetsform nicht zum Dogma erheben.

Die gebildeten Mönche des Mittelalters beteten jeden Tag den ganzen Psalter: hundertfünfzig Psalmen. Die einfachen Laienbrüder und das gläubige Volk jedoch konnten nicht lesen. Statt der Psalmen beteten sie hundertfünfzig Vaterunser, das konnten sie auswendig. Später, als die Marienfrömmigkeit aufzublühen begann, ersetzte man die vielen Vaterunser durch ebenso viele Ave Maria, teilte das Ganze in freudenreiche, schmerzhafte und glorreiche Geheimnisse ein und zählte die Gebete mit der aus dem Islam übernommenen Gebetsschnur ab: drei Geheimnisse mal fünf Gesätze (ein Gesätz = ein Satz Perlen) mal zehn Ave Maria gleich hundertfünfzig Gebete, umrahmt durch Vaterunser und Ehre sei dem Vater (übrigens eine Rechnung wie im Islam: dreimal dreiunddreißig gleich neunundneunzig). Der Rosenkranz war ein Psalter für Unbelesene, er ist das Gebet der einfachen Leute!

Wenn sich die Lippen von selbst bewegen

Ein Zugang zum Rosenkranzgebet liegt in der meditativen Wiederholung. Wesentliches kann man immer wieder sagen, Wichtiges wird niemals langweilig, das Herz liebt die Wiederholung als immer neue Erinnerung. Im Mittelpunkt steht dabei nicht das gesprochene Wort, sondern der Sinn, das Thema der Meditation. Das gesprochene Wort ist ein Klangteppich, eine geistliche Zeiteinteilung für das eigentliche Gebetsgeschehen. Während die Lippen sich irgendwann von selbst bewegen, meditiert der Geist über das Leben Jesu, und zwar aus der Sicht seiner Mutter Maria. Das ist keine schlechte Art, das Leben des Erlösers zu bedenken, hat ihn seine Mutter doch zeitlebens begleitet. Man geht mit Maria den Weg Jesu – von der Verkündigung seiner Geburt über die Passionsgeschichte bis zur Auferstehung und Geistsendung, ja noch weiter: bis zur Vollendung Marias selbst durch ihren Sohn bei Gott.

Neben diesem klassischen Rosenkranzgebet gibt es Neuschöpfungen, zum Beispiel den Christus-Rosenkranz, bei dem das Ave Maria durch ein Christusgebet ersetzt wird. Diese Form hat sich bei Wallfahrten und in der Ökumene besonders bewährt. Man kann auch eigene Gesätze erfinden – biblische, aktuelle, auf die betende Gemeinschaft bezogene. Vorsicht ist da geboten, wo die Gebetsschnur selbst, der Rosenkranz als Perlenkette, zum Talisman verkommt, wie man es bei Fußballstars und Popsängern, aber auch an Autorückspiegeln sehen kann. Die Anhänger einer bestimmten reaktionären katholischen Subkultur bedienen sich des Rosenkranzes mehr als Waffe denn als Gebetseinteilungsgerät. Er ist nichts als eine Zählmaschine, ein Zeitmesser für die Meditation. Eine solche Zeiteinteilung ist wichtig für jede Meditation, denn wenn man nicht weiß, wann sie aufhört, hat man nicht die innere Ruhe, überhaupt damit zu beginnen. Jedes Gebet braucht Anfang und Ende, Rhythmus und Struktur, denn nur gegliederte Zeiten sind erträgliche Zeiten.

Bis morgen!
Stefan Jürgens

Live-Gottesdienste am Ostersonntag auf "Kirche-und-Leben.de"
11.00 Eucharistiefeier mit Bischof Felix Genn aus dem Paulusdom in Münster
11.00 Eucharistiefeier mit Pastor Heinrich Hagedorn, St. Mariä Himmelfahrt Alstätte
17.30 Oster-Vesper mit den Mönchen der Abtei Gerleve
18.00 Eucharistiefeier aus der Lamberti-Kirche Münster
19.00 Gottesdienst aus der Jugendkirche „effata!“, Münster
20.15 Komplet mit den Mönchen der Abtei Gerleve
Eine Übersicht über Gottesdienst-Übertragungen aus Kirchen im Bistum Münster finden Sie hier.