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1. Platz: Ehrenamtspreis des Bistums Münster 2022

Die Obstretter in Steinfurt: Ernten, einkochen, Gutes tun

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Mit dem Ehrenamtspreis des Bistums Münsters zeichnen das Bistum, das Diözesankomitee und „Kirche-und-Leben.de“ beispielhafte, innovative oder nachhaltige Initiativen und Projekte aus. Vor der Preisverleihung am 18. September stellen wir die diesjährigen Preisträger nochmal vor. Den 1. Platz erhalten die Obstretter aus Steinfurt.

Das tut Anne Rose im Herzen weh: Der Spätsommer lässt die Mirabellen und Pflaumen in ihren Obstbäumen leuchten. „Eigentlich ein schönes Bild“, sagt die Rentnerin. Eigentlich – denn die Ernte kommt für sie derzeit nicht infrage. Zeit und Kraft fehlen. Die Früchte würden auf der Wiese ihres Gartens in Steinfurt verfaulen. Doch die Retter sind schon unterwegs.

Die Obstretter in Steinfurt rücken an. Eine Gruppe Frauen ist mit Eimern, Leitern und Obstpflücker auf dem Weg in ihre Bäume. Dort wird geklettert, geschüttelt, geerntet und aufgelesen. Nichts von den guten Früchten soll verloren gehen. Das ist die Idee des insgesamt 40-köpfigen Teams: Was die Natur hervorbringt, darf nicht verderben. (xx)

Die „beschwipsten Mirabellen“

„Als ich von dem Angebot in der Zeitung las, habe ich mich riesig gefreut“, sagt Rose. Ein Anruf genügte, und der Termin in ihrem Garten stand. Fünf Frauen sind es, die um ihre Bäume wuseln. Es ist lebhaft, es wird viel erzählt, Rezepte werden ausgetauscht. Zum Beispiel das von den „beschwipsten Mirabellen“, das bei den Helferinnen besonders gut ankommt. Im Nu sind die Eimer und Kisten voll. Und Rose glücklich: „Diese Jahr verdirbt nichts.“

Seit 2020 sind die Obstretter schon unterwegs. Andrea Jäger vom Caritas-Nachbarschaftshaus in Steinfurt hatte das Projekt angestoßen. „Der Zulauf von Helferinnen war sofort groß“, sagt sie. Ernten und Einkochen – ein Heimspiel für viele Frauen. „Der nachhaltige Ansatz spielt dabei eine wichtige Rolle.“ Die Idee passte also in vieler Hinsicht.

Tränen der Dankbarkeit

Auch menschlich, sagt Jäger: „Nicht selten vergießen die Menschen Tränen, wenn wir ihnen zur Hilfe kommen.“ Der Garten, die viele Arbeit, die sie dort hineingesteckt haben, die Sorge um das frische Obst – gerade alte Leute sind dankbar für die Wertschätzung ihrer Situation. „Das Projekt ist viel mehr geworden als nur ein bewusster Umgang mit der Natur.“ Es ist Kommunikation pur – zwischen den Helfern, mit den Obstbaumbesitzern, unter den unterschiedlichen Generationen, die sich beteiligen. Und es ist integrativ, beteiligen sich doch auch Frauen anderer Religionen und Kulturen.

Mit den vollen Eimern ist aber nur die erste Etappe geschafft. In der Großküche der Familienbildungsstätte in Steinfurt warten schon die nächsten Frauen, um die Ernte zu veredeln. Die zweite Schicht der Obstretter beginnt an Schalen und Töpfen. Jetzt wird geschält, entkernt und geschnippelt, bevor der Mixstab und der Entsafter zum Einsatz kommen. Auch hier ist deutlich zu hören, dass es ein fröhliches Miteinander ist.

Viele Fachfrauen, viele Rezepte

„Die sind alle mit so großer Begeisterung dabei“, sagt Elisabeth Höffker von der Familienbildungsstätte. „Und richtig kreativ.“ Manchmal gleichen die wöchentlichen Treffen der Arbeit einer Experimentier-Küche. „Jeder bringt Rezepte mit, hat noch eine neue Idee, weiß, wie verschiedene Obstsorten am besten gemischt werden können.“ Und alles läuft mit der Routine erfahrener Hobby-Köchinnen ab. Die Handgriffe sitzen, die Einmachgläser füllen sich schnell.

Und so steht am Ende des Vormittags Birnen-Apfel-Mus neben Tomaten-Chutney und Holunder-Kirsch-Marmelade. Die Aufkleber mit dem großen Obstretter-Logo verraten die Herkunft. Denn die Wege des schmackhaften Guts sind ab jetzt verschieden. Ein Teil geht auf Märkte und Basare, andere in soziale Einrichtungen oder zu Tafeln. Das Projekt bekommt damit eine weitere Facette: den Einsatz für Menschen in sozial schwierigen Situationen.

Angebot hat sich etabliert

Die Obstretter haben sich mit ihrer Idee in Steinfurt und Umgebung längst etabliert. Die Nachfrage nach Helferinnen auf der einen und Hilfe suchenden Menschen auf der anderen Seite muss nicht mehr befeuert werden. Es läuft, auch mit Unterstützung des Steinfurter Bürgervereins „Wie wollen wir leben“, unter dessen Dach sich das Projekt begeben hat.

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