Lage der Christen im Gastgeberland der Fußball-WM

Die orthodoxe Kirche in Russland: Eine Kirche der Rekorde

Kaum sonst wo auf der Welt lösen christliche Reliquien solch einen Pilgerstrom aus wie in Russland. Selbst bei Regen standen 2017 Gläubige bis zu zwölf Stunden in der Schlange an, um in den orthodoxen Kathedralen von Moskau und Sankt Petersburg vor den aus Italien ausgeliehenen Gebeinen des heiligen Nikolaus zu beten. Insgesamt fast 2,5 Millionen Menschen suchten die Reliquien binnen nur zwei Monaten auf.

Die zu Sowjetzeiten brutal verfolgte orthodoxe Kirche hat in Russland in den vergangenen Jahren ein Comeback gefeiert. Doch ganz so rosig sieht es auf den zweiten Blick heute mit der Religiosität nicht aus.

Orthodoxie gehört zu Russland

Ein Drittel der Russen vertraue der orthodxen Kirche voll, ein weiteres Drittel nur etwas, so ermittelte das unabhängige Meinungsforschungsinstitut „Lewada-Zentrum“. Die Kirche schneidet somit ähnlich ab wie Regierung und Parlament, aber deutlich schlechter als das Militär und der Inlandsgeheimdienst FSB. Unangefochtener Spitzenreiter ist Staatspräsident Wladimir Putin, dem nur vier Prozent der Erwachsenen misstrauten.

In Umfragen bezeichnen sich regelmäßig rund 70 Prozent der Russen als orthodox. Damit folgen sie dem gewachsenen Selbstverständnis, dass zur russischen Identität das orthodoxe Christentum gehört. Deutlich weniger allerdings praktizieren den orthodoxen Glauben auch tatsächlich. Laut einer älteren Umfrage besuchen nur drei Prozent der Erwachsenen jede Woche einen Gottesdienst.

Drei neue Kirchen am Tag

Jeder vierte Befragte gab 2016 Lewada zufolge an, in seinem Leben spiele Religion keine Rolle. Die Mehrheit von 40 Prozent messe der Religion keine große Bedeutung zu. Jedem Dritten sei seine Religion indes wichtig oder sehr wichtig.

Zweifellos erlebte die orthodoxe Kirche nach der Sowjet-Ära den bislang größten Aufschwung in der russischen Geschichte. Rund 30.000 orthodoxe Gotteshäuser wurden in den vergangenen 30 Jahren in dem Riesenreich eröffnet. „Das sind drei pro Tag“, sagt Metropolit Hilarion, als Außenamtschef des Moskauer Patriarchats quasi die Nummer zwei der Kirche nach Patriarch Kyrill I. „Früher gab es drei ­theologische Seminare und Akademien; heute sind es mehr als 50.“

Kaum katholische Priester

Für Russlands katholische Kirche erweist sich hingegen so manche Prognose als viel zu optimistisch. Die romtreuen Geistlichen waren unter Lenin und Stalin ebenfalls reihenweise umgebracht worden. Auch die kathoilsche Kirche hat nach dem Ende des aggressiven sowjetischen Atheismus neue Kirchen errichtet. Doch nach wie vor mangelt es im Land an einheimischen Priestern.

Die Zahl der Geistlichen mit russischem Pass stagniert. Etwa 90 Prozent der rund 350 katholischen Geistlichen in Russland stammen aus dem Ausland. Auch keiner der vier russischen Bischöfe wurde in Russland geboren; drei von ihnen leben aber schon seit mindestens 1993 dort.

Riesige Dimensionen, minimal wenige Gläubige

Rund 800.000 der 144 Millionen Bürger Russlands bekennen sich zur katholischen Kirche. Mit einem Bevölkerungsanteil von etwa 0,6 Prozent ist sie damit eine kleine Diasporakirche. Der Vorsitzende der Russischen Bischofskonferenz, der aus Sachsen stammende Bischof Clemens Pickel, verfügt über kein großes Ordinariat, sondern hat lediglich ein Büro. „Wir brauchen sehr die Hilfe von Priestern und Ordensleuten aus Ländern, in denen der Priestermangel kleiner ist als bei uns“, erklärt Pickel. Nur so könne die Seelsorge der weit voneinander entfernt lebenden Katholiken gelingen.

Allein Pickels Bistum ist so groß wie Deutschland, Frankreich, Spanien und Portugal zusammen. Nur etwa 21.500 der 45 Millionen Einwohner der Region sind Katholiken. Es umfasst den gesamten Süden der europäischen Hälfte Russlands. Manche Pfarreien sind mehr als 500 Kilometer voneinander entfernt. „Stellen Sie sich Deutschland vor mit insgesamt nur zwölf Orten, an denen noch Priester wohnen – das sind unsere Dimensionen.“