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Im Clemenshospital werden Covid-19-Erkrankte behandelt

Die Pandemie im Blick: Alltag auf einer Intensivstation in Münster

Intensivstation in Corona-Zeiten – zu Besuch im Clemenshospital Münster. | Video: Michael Bönte

  • Die Intensivstationen der Krankenhäuser sind Hotspots der Pandemie.
  • Wie gehen die Beschäftigten dort mit der Lage um, was bedeutet für sie Weihanchten?
  • Eine Reportage aus dem Clemenshospital in Münster.
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Das durchgehende Piepen der Überwachungs­anlage für die Vitalwerte der Patienten kommt aus dem zentralen Bereich für die Pflegekräfte auf der Intensivstation des Clemenshospitals in Münster. Auf Monitoren können sie ununterbrochen verfolgen, wie es den Erkrankten in den Zimmern geht. Sonst ist es ruhig auf den Gängen. Von der Hektik in den Infektionswellen der vergangenen Monate ist kurz vor Weihnachten nur noch wenig wahrzunehmen – der hohen Impfquote in Münster sei Dank.

„Das kann sich aber alles schnell wieder ändern“, sagt Dr. Jürgen Witte. Die Erfahrungen der Pandemie haben allen im Krankenhaus gezeigt, wie sich der Anstieg der Fallzahlen auf die Belegung sowohl auf der Normal- als auch auf der Intensivstation auswirken kann. Bis zu sieben Patienten waren es zu Zeiten, in denen es noch keine Impfungen gab. „Im Augenblick liegt hier neben anderen Fällen nur ein an Covid-19-Erkrankter auf unserer Intensivstation.“ Andere sind auf weiteren Fachstationen verteilt. „Zum größten Teil sind das Ungeimpfte.“

Besorgter Blick auf andere Bundesländer

In Münster ist die Impfquote hoch, die Inzidenz niedrig. Was die Situation für das Clemenshospital aber nur bedingt entschärft. Denn hierher kommen auch Covid-19-Patienten aus anderen Bundesländern, in denen die intensivmedizinische Versorgung nicht mehr gewährleistet werden kann. „Da schauen wir schon immer besorgt auf die Fallzahlen in anderen Regionen“, sagt Witte. „Wir wollen uns ja nicht vom Rest des Landes abkoppeln.“

Der Arzt stellt klar, dass er mit allen Patienten professionell umgeht. „Auch mit den Unvernünftigen.“ Damit meint er jene, die sich trotz aller Möglichkeiten nicht haben impfen lassen. „Wir machen da keine Unterschiede.“ Trotzdem stört ihn der Gedanke daran, dass die Situation für alle positiver aussähe, wenn es nicht so viele Impfverweigerer geben würde. „Den Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal würden wir nicht in diesem Maß spüren“, sagt Witte. „Und auch die Gefahr wäre geringer, dass jene, die alles ihnen Mögliche gegen die Pandemie tun – sich impfen lassen, Abstand halten und Masken tragen –, durch einen Anstieg der Fallzahlen in ihrer medizinischen Versorgung beeinträchtigt werden können.“

Zwischen Frustration und Begeisterung

Er hat einen Wunsch, den er kurz vor dem Weihnachtsfest an alle richtet, die sich nicht für eine Impfung entscheiden können: „Sie könnten eher auf die Menschen hören, die jeden Tag mit der Versorgung der Covid-19-Patienten beschäftigt sind.“ Ihn ärgern zweifelhafte Quellen, aus denen sich manche Menschen mit Informationen bedienen. „Hört besser auf Pflegekräfte, Intensivmediziner, Lungenfachärzte und Virologen und nicht auf irgendwelche Leute, die im Internet Videos veröffentlichen.“

Auch Lea Ludwig könnten sie fragen. Sie gehört seit wenigen Wochen zum Team auf der Intensivstation. Erst kürzlich hat sie ihre Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin abgeschlossen, also einen Großteil ihres Berufslebens in Corona-Zeiten erlebt. „Es ist manchmal schon frustrierend, wenn ich nach Hause gehe und es dem Patienten einfach nicht besser gehen will“, sagt sie. „Wir haben alles getan, und trotzdem bleibt ein leises Gefühl der Hilflosigkeit.“

Ihre Begeisterung für den Beruf lässt sie sich durch die Pandemie dennoch nicht nehmen. „Es ist körperlich und mental zwar echt anstrengend, aber für mich gibt es nichts Schöneres, als jeden Tag von Neuem für die Patienten da zu sein.“

Corona hat Seelsorge verändert

Sie sagt das auch, weil sie sich im Team der Intensivstation gut aufgehoben fühlt. Der Gedanke an eine weitere Infektionswelle macht ihr deshalb keine Angst. „Wir werden wieder gut zusammenarbeiten und das gemeinsam durchstehen.“

Gemeinsam – dazu gehört auch Krankenhaus-Seelsorgerin Schwester Lucia Dießel. Das Aufgabenfeld der Ordensfrau hat sich in der Corona-Pandemie verändert. „Erweitert“, sagt sie. Weil sie im Zugehen auf die Corona-Patienten neue Wege suchen musste. „Bei diesen Patienten funktionieren klassische Formen oft nicht.“ Nicht nur die aufwendige Schutzkleidung verhindert das einfache Gespräch der Clemens­schwester am Krankenbett, auch der Zustand der Erkrankten. „Sie sind sehr eingeschränkt, kriegen schlecht Luft, können kaum sprechen.“

Immer wieder extrem belastende Situationen

Der kurze Besuch, das liebevolle „Hallo“ oder der Mut machende Augenkontakt haben an Bedeutung gewonnen. „Die Patienten spüren dann, dass jemand für sie da ist, einer, der an sie denkt.“ Gleiches gilt für ihren Kontakt mit den Angehörigen. Und in Corona-Zeiten besonders für die Begegnung mit dem Personal im Krankenhaus. „Für alle hier ist es eine extrem belastende Situation – es hat viele Veränderungen im Arbeitsalltag gegeben“, sagt Schwester Lucia. „Der Austausch mit den Kollegen hat für mich in dieser Zeit noch einmal einen höheren Stellenwert eingenommen.“

Und sie selbst? „Grenzen gibt es immer“, sagt sie. „Wenn ich nach neun Stunden Dienst nicht mehr kann, stoße ich an meine.“ Weil sie ihr grundsätzliches Verständnis von Seelsorge auch in der fordernden Zeit der Pandemie nicht verändern will. Denn eine Frage bleibt für sie der Antrieb: „Sehe ich den Patienten so, wie er ist, und möchte er Kontakt zu mir?“ Wenn das der Fall ist, gibt es für sie immer einen Weg, diesen Kontakt aufzunehmen.

Weihnachten wird von allein kommen

Derzeit bleibt deshalb wenig Zeit für anderes, gibt sie zu. „Weihnachten – das habe ich noch gar nicht im Blick.“ Schwester Lucia sagt das ohne Frust, eher mit der Zufriedenheit einer Frau, die weiß, wie wichtig ihr Dienst für die Patienten ist. „Das Weihnachtsfest wird von allein kommen, und ich habe die Offenheit, es so zu erleben, wie es sich mir dann darbietet.“

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