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Annette Saal zur Brandkatastrophe im Flüchtlingslager Moria

Die Politik des Wegsehens beschämt

Die Katastrophe im Flüchtlingslager Moria hat nicht erst mit dem Brand in der vergangenen Nacht begonnen. Die unmenschlichen Zustände waren hinreichend bekannt. Wählerstimmen gegen Wohlergehen, scheint die Abwägungsformel zu sein, mein Annette Saal, Chefredakteurin Print von "Kirche+Leben", in ihrem Kommentar.

Als wäre es nicht schon schlimm genug gewesen für die 12.000 Flüchtlinge, die im Lager Moria auf der griechischen Insel Lesbos dahinvegetieren mussten. Unter menschenunwürdigsten Bedingungen lebten sie im Dreck, zusammengepfercht, abgeriegelt, der Pandemie ausgesetzt. Vergessen von der Welt.

Vergessen? Das Wort „verdrängt“ trifft es besser. Denn das Problem war und ist unbequem. Regierungen schauen einfach weg. Wählerstimmen gegen Wohlergehen, scheint die Abwägungsformel zu sein. 

Debatten wären unerträglich

Obwohl die Zustände in dem Lager bekannt waren, wollte sich niemand die Finger schmutzig machen. Auch die verzweifelten Proteste der Flüchtlinge gegen die unwürdige Unterbringung und mangelhafte Schutzmaßnahmen gegen eine Ansteckung mit Covid-19 wollte keiner hören. Das Problem wurde totgeschwiegen und buchstäblich ausgegrenzt.

Das Einzige, was jetzt noch bleibt: Die Länder der EU müssen eine schnelle humanitäre Lösung für eine Aufnahme der Flüchtlinge schaffen. Deutschland hat dabei aufgrund seiner EU-Ratspräsidentschaft eine besondere Verantwortung. Angesichts der akuten Notlage wären weitere ewige Debatten und Versuche, sich herauszureden, unerträglich.

Ein Tropfen auf den heißen Stein

Schon lange gab es eindeutige und eindringliche Appelle, die Situation zu beenden. So hat bereits im April 2016 Papst Franziskus mit einem Besuch auf Lesbos auf das Schicksal der Menschen dort aufmerksam gemacht und zwölf Flüchtlinge, darunter sechs Minderjährige, mit nach Rom genommen. Die deutsche Bundesregierung hat einigen alleinreisenden, zum Teil kranken Kindern und Jugendlichen mit ihren Familien die Einreise ermöglicht – ein eher symbolischer Akt, ein Tropfen auf den heißen Stein.

Flüchtlingsbischof Stefan Heße hat jetzt zu Recht eine „Koalition der Willigen“ als Vorreiter gefordert, wenn die UN-Mitgliedsstaaten keine gemeinsame Lösung zur Überwindung der politischen Blockaden finden. Ein solcher Vorstoß wäre überfällig. Denn dafür, dass Europa so lange die Augen vor der Katastrophe verschlossen hat. gibt es nur ein Wort: Beschämend.

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