Kirchenfund ist eine Sensation

Diebesgut vom Niederrhein wird restauriert

Mit großer Behutsamkeit begutachten Beate Zumkley und Reinhard Karrenbrock die vor ihnen liegenden Figuren. Versehen mit weißen Handschuhen, um die Skulpturen zu schützen, nimmt die Diplom-Restauratorin Zumkley eine der Figuren hoch und stellt sie vorsichtig auf den Tisch. Gemeinsam mit Karrenbrock, der als Kunsthistoriker in der Gruppe Kunstpflege des Bischöflichen Generalvikariats in Münster arbeitet, fachsimpelt sie über die Bedeutung der wiedergefundenen Heiligenfiguren, die das Bundeskriminalamt (BKA) dem Bistum vergangene Woche übergeben hatte (kirchensite.de berichtete). Die zwei mehr als 500 Jahre alten Figuren stammen aus Altären in Kleve und Rheinberg und stehen in Zusammenhang mit einem ungewöhnlichen Fund am 29. Februar im Eifeler Kloster Maria Laach.

Für beide ist der Fund eine Sensation. „Dass 45 Jahre nach dem Raub elf Figuren aus Kirchen der Bistümer Aachen und Münster wiedergefunden wurden ist unglaublich“, sagen sie. Weil die Benediktiner in dem Fund die Beute eines Kirchenraubes vermuteten, waren die Kriminalpolizei in Remagen und das BKA in die Ermittlungen eingeschaltet worden. Das BKA  hatte Karrenbrock, der auch in anderen Fällen als Berater fungiert hatte, für weitere Recherchen hinzugezogen. In Remagen hatten man dem Kunsthistoriker die beiden Figuren für das Bistum Münster übergeben.

Dieb hatte „ein Auge für Qualität“

„Wir hatten schnell erkannt, dass wir den Propheten aus der Klever Stiftskirche und den Apostel aus dem Rheinberger Altar vor uns hatten“, sagt Karrenbrock, während Zumkley zustimmend nickt. Die übrigen sieben Figuren seien später Orten in einer Linie von Kleve bis Linnich zugeordnet worden. „Anhand der gefundenen Skulpturen lässt sich die Diebesroute gut nachvollziehen“, sagt Zumkley. Der Dieb habe durchaus ein Auge für Qualität besessen.

Der Apostel aus der Rheinberger St.-Petrus-Kirche.
Der Apostel aus der Rheinberger St.-Petrus-Kirche. | Foto: Jürgen Kappel

Der wiedergefundene Apostel stammt aus der Rheinberger Kirche St. Peter. „Er ist nicht näher zu bezeichnen, da ihm kennzeichnende  Attribute fehlen“, sagt Zumkley. Er stammt aus einem der beiden Altarschreine, die im 15. Jahrhundert in den südlichen Niederlanden entstanden sind und in unruhigen Zeiten aus der Klosterkirche Kamp nach Rheinberg kamen. „Im Gegensatz zu dem Klever Propheten zeichnet sich der Apostel durch eine große Innerlichkeit aus“, beschreibt Zumkley die Figur. „Die Reduzierung des Künstlers auf das Wesentliche ist ein Ausdruck großer Qualität.“

Kunst aus dem 16. Jahrhundert

Der Prophet aus Kleve.
Der Prophet aus Kleve. | Foto: Jürgen Kappel

Dagegen sei der Klever Prophet in seiner Darstellung modisch geprägt, „geradezu exaltiert“, beschreibt Karrenbrock die zweite Skulptur. Nach seiner Schätzung ist die Klever Figur im 16. Jahrhundert entstanden. Sie stamme aus der Antwerpener Region, die wie Brabant und Flandern zu dieser Zeit dem niederrheinischen Raum zugerechnet wurde. Die Antwerpener Altäre seien für den Export geschaffen worden, erläutert Karrenbrock. „Wer damals seine Kirche damit ausgeschmückt hat, bekam das Beste, was es damals auf dem Markt gab.“ Mehr als 30 Altäre waren für das Rheinland bestimmt, 20 für Westfalen.

Die Figuren sind nach Meinung der Experten in vergleichsweise gutem Zustand. Sie seien verstaubt und entsprächen der Situation, wenn man sie in der Kirche auf dem Dachboden aufbewahrt und nicht gepflegt hätte, sagen sie. Der Apostel aus Rheinberg wird auch wie die vollständigen Altarschreine komplett restauriert, da der Rheinberger Altar für die Ausstellung zum Thema Zisterzienser 2017 im Bonner Landesmuseum aufgearbeitet wird. „Zur Restaurierung gehört die Festigung der Figur, sowie die Reinigung, Kittung und Retusche“, erläutert Zumkley. Ebenso werde auch mit dem Klever Propheten verfahren. „Für mich als Restauratorin bedeutet es ein großes Glücksgefühl, wenn ich die Figuren etwa ein halbes Jahr bei mir haben und sie in ihrer Wiederherstellung begleiten kann“, sagt sie.