Tag 3 des Katholikentags beginnt mit der Heiligen Schrift

Drei Frauen aus drei Religionen legen dieselbe Bibelstelle aus

Drei versierte Theologinnen, drei Religionen, ein Text: Jesaja 52,1-12 „Das neue Heil für Zion“. Jede interpretiert ihn in ihrer Tradition und mit ihrer persönlichen Wahrnehmung. Am Ende nehmen die 160 Teilnehmer beim morgendlichen Bibelimpuls des Katholikentags mit, dass die drei Fäden sich zusammenfügen.

Die Kölner Rabbinerin Natalia Verzhbovska führte auf Hebräisch und Deutsch in den Text ein. Christine Funk aus Potsdam gab Einblicke in einen feministisch-katholischen Ansatz. Hamideh Mohagheghi aus Hannover nahm sich den Text mit „Demut und Respekt“ vor. „Ich sehe ihn mit meiner muslimischen Brille. Die kann ich nicht ablegen, sonst bin ich blind.“

Bleibt wach und aktiv!

„Uri, uri!“ – „Wach auf, wach auf!“ Der Anfang der Bibelstelle ist für die jüdische Rabbinerin Verzhbovska zentral. Träume spielten eine wichtige Rolle in der Thora, in ihnen offenbare sich Gott. Aber hier rufe er zur Wachheit auf. „Du sollst wachbleiben, fordert er. Wachbleiben bedeutet, die Realität wahrnehmen, in Verbindung mit ihm bleiben und dem Nächsten helfen.“

Das sei oft schwierig. „Doch weil es ein Befehl ist, sollten wir uns wenigstens Mühe geben.“ Man müsse den Text aber auch in Zusammenhang mit den vorherigen Textstellen sehen. Da sei es der Mensch, der Gott anruft, als schlafe der. Er ruft ihn mit denselben Worten an: „Uri, uri!“

Kritik an Krieg und Erniedrigung

Gott antworte nun dem Menschen, der sich aus der Gefangenschaft befreien will, mit seinen eigenen Worten und Formulierungen. „Er fordert uns auf, selbst zu handeln. Wir dürfen nicht erwarten, dass Gott alles macht“, sagte Verzhbovska. „Die ersten Schritte zu Frieden, Toleranz und Verständnis müssen wir selber gehen. Dann ist er bei uns.“

Der katholische Theologin Funk ist die Hoffnungsfreude auf Befreiung und den künftigen Sieg im Text besonders wichtig. Die gefangene Tochter Zion stehe für alle Geknechteten, denen die Fesseln abgenommen werden sollen. „Für mich ist der Text eine Kritik am Krieg, zu dem immer auch die Erniedrigung von Frauen, die Versklavung von Menschen und die Bereicherung gehören.“ Der Text kündige den Sieg über das Unheil an. Er sei eine Ermutigung, die Schritte des Friedens zu gehen.

Zorn als Liebeszeichen

„Dieser uralte Text  ist hochaktuell“, sagte die islamische Theologin Mohagheghi. „Ich lese ihn als politische Aufgabe.“ Gott tadelt sein Volk. „Warum tut ihr nichts? Er bestraft es. Das ist eine Sprache, die mir aus dem Koran bekannt ist.“

Doch Gott sei kein wütender Gott per se, sondern einer, „dessen Zorn ein Zeichen für seine Liebe und Sorge um den Menschen ist“, sagte sie. „Wir leben in einer Zeit, in der Politiker aus Hochmut und eigenen Interessen gerade den Frieden durcheinanderbringen.“ Der Weckruf im Prophetentext sei eine Aufforderung an jeden Einzelnen, etwas im Kleinen zu tun für Frieden und Verständigung.

Gott ist mit den Handelnden

„Dass wir als Christin, Jüdin und Muslima gemeinsam an einem Text arbeiten, ist ein Hoffnungszeichen. Ich möchte aber sehen, dass wir gemeinsam etwas Größeres erreichen.“ Der Mensch sei nach der Schöpfungsgeschichte Statthalter Gottes auf Erden. Seine Aufgabe sei es, erste Schritte zu einer friedlichen und gerechten Welt anzustoßen. „Dann werden wir auch seine Unterstützung bekommen.“