Schwester Jacintha Altenburg wirkte lange im Emslandlager Esterwegen

Ehemaliges NS-Lager als Versöhnungsort für eine Franziskanerin

Ihr Akzent zeigt, wo alles seinen Anfang nahm. Ihre niederländische Muttersprache färbt auch nach Jahrzehnten in Deutschland die Worte von Schwester Jacintha. Es ist der Klang, der eine lange, beeindruckende Geschichte begleitet. Ein Weg, der von Leid, Erinnerung und Versöhnung erzählt. Der in den Zeiten des Nationalsozialismus begann, dessen Grauen bis heute für sie präsent sind. Und der seine besondere Ausstrahlung deshalb entwickelt, weil er eben dort seinen Ausgangspunkt hatte, woher ihr Akzent stammt: in einem kleinen Dorf bei Sneek, im niederländischen Friesland.

Sie war ein Kind des niederländischen Widerstands. Nicht, dass sie selbst aktiv war. Dazu war sie damals zu klein. Bei Kriegsende war sie gerade einmal sechs Jahre alt. Was sie in dieser Zeit selbst erlebt hat und was sie später durch Erzählungen erfuhr, kann sie oft nicht auseinanderhalten. Dass ihr Vater sich im Untergrund gegen das Nazi-Regime auflehnte, gehört dazu. Dass in der elterlichen Kneipe direkt unter dem Kirchturm des Dorfs ein konspirativer Treffpunkt der Widerstandskämpfer war. Dass ihr Vater und ihre älteren Brüder Material transportierten, Botendienste erledigten, Nachrichten überbrachten.

Kindliche Leichtigkeit während des Kriegs

Damals bedeutete das Lebensgefahr. Für die Kämpfer wie für ihre Familien. Das Grauen des Krieges hatte auch das bäuerliche Friesland im Griff. Ihr Onkel wurde von den Nazis erschossen. Ein Nachbar wurde ins Konzentrationslager deportiert. Gewalt und Zwangsarbeit für die einheimische Bevölkerung waren an der Tagesordnung. „Mein Vater hielt diesen Schrecken so gut es ging von uns Kindern fern“, erinnert sich Schwester Jacintha. 14 Geschwister hatte sie. „Papa schützte uns vor schlechten Erlebnissen – wir sollten spielen, Kind sein dürfen, ein wenig Leichtigkeit behalten.“

Schwester Jacintha.
Schwester Jacintha lebte neun Jahre neben der Gedenkstätte in Esterwegen. | Foto: Michael Bönte

Der Hass der Bevölkerung auf die Deutschen aber war groß und blieb es auch noch lange Zeit nach Kriegsende. Umso beeindruckter ist Schwester Jacintha noch heute von der Fähigkeit ihres Vaters, Versöhnung vorzuleben. „Er hätte allen Grund gehabt, die Täter für immer zu hassen.“ Warum er das nicht tat? Auch heute noch zuckt die 79-Jährige im Wohnzimmer ihres kleinen Konvents in Münster die Achseln, wenn sie nach einer Antwort darauf sucht. „Er war halt so, er konnte das, er wollte den Hass nicht mehr.“

Eintritt in ein deutsches Kloster wurde misstrauisch beäugt

Intensiv erfuhr sie das, als sie mit 19 Jahren ins Kloster der Franziskanerinnen eintrat. Es war eine deutsche Ordensgemeinschaft in Holland, wo sie Krankenpflege-Schülerin wur- de. Ende der 1950er Jahre wurde so etwas sehr misstrauisch beäugt. Zu lebendig waren die Erinnerungen an die „Muffen“, die deutschen Peiniger der Besatzungszeit. Alles, was deutsch war, wurde deshalb gehasst. „Die Reaktion meiner Eltern dagegen war großartig“, erinnert sich Schwester Jacintha. „Sie haben meinen Schritt nie in Frage gestellt.“

Von anderer Seite wurde er das schon. Auch in der eigenen Familie gab es viel Unverständnis über ihren Weg. Spätestens als sie nach Kamp-Lintfort zog, um dort das Labor in einem Krankenhaus zu leiten, spürte sie intensiven Gegenwind. Ein Bruder brach letztlich den Kontakt ab. „Für ihn war ich auf die Seite der Deutschen gewechselt.“ Er bat sie, ihn nicht mehr zu besuchen.

Beim Aufbau der Gedenkstätte in Esterwegen mitgemacht

Das Unversöhnliche der Nachkriegszeit blieb für sie damit lange Zeit aktuell. Es sollte noch einmal viel Nahrung bekommen, als sie nach vielen weiteren Stationen in Deutschland im Jahr 2006 das Angebot bekam, in einen Konvent am ehemaligen NS-Emslandlager Esterwegen zu ziehen. Dort arbeiteten die Franziskanerinnen beim Aufbau einer Gedenkstätte mit. Bis 2015 lebte Schwester Jacintha dort.

Raum der Stille in Esterwegen.
Im Raum der Stille kommen die Besucher der Gedenkstätte zur Ruhe. | Foto: Michael Bönte

„Für einige in meiner Heimat und in meiner Familie war das unfassbar.“ Den Schritt, Teil der deutschen Erinnerungskultur an die Verbrechen zu werden, unter denen sie selbst gelitten hatte, konnte kaum einer nachvollziehen. Das verriet ihr ihr jüngster Bruder, der sie im Gegensatz zu vielen anderen in ihrer Entscheidung bestärkte, ins Emsland zu wechseln. „Er dagegen verstand, dass es für mich eine weitere Etappe auf dem Weg zur Versöhnung mit unserer Vergangenheit war.“ Dort wo hunderttausende Menschen gequält worden waren, wollte sie Überlebenden bei  der Verarbeitung ihrer Erlebnisse helfen. Sie wollte junge Menschen aufklären und warnen. Und sie wollte mit allen Besuchern versuchen, nicht zu vergessen und trotzdem Ruhe zu finden – vielleicht auch Versöhnung.

Schwester Jacintha erfurht von vielen furchtbaren Schicksalen

Wie schwer das war, konnte sie fast täglich erleben. Sie schließt immer noch die Augen, wenn sie an die vielen Besucher denkt, die ihr vom Hass, von Tod, von Verlust und Angst aus der NS-Zeit erzählten. „Unzählige, furchtbare Schicksale“, sagt sie dann mit zitternder Stimme. Das des alten Mannes gehört dazu, der auf dem mit Bäumen und Steinen nachkonstruierten Lager-Gelände in Tränen ausbrach. „Er hatte mehr als 50 Jahre nicht über seine Gefangenschaft in Esterwegen gesprochen.“ Seine Tochter schrieb später einen Brief, dass es ihrem Vater nach der Aussprache viel besser gehe. Die Erinnerungen an Todesangst, Schmerzen und bittersten Erniedrigung hatten ihn zuvor mit der gleichen Wucht gequält wie die eigentliche Zeit in Gefangenschaft.

„Ob Täter oder Opfer – in Esterwegen sind alle eingeladen“, sagt Schwester Jacinta. „Erinnerung, Gedenken und Gebet helfen ihnen allen.“ In der dortigen Umgebung finden auch die Menschen Worte, die sie eigentlich für immer vergraben wollten. Einige Nachbarn der Gedenkstätte zählt sie dazu. „Sie kamen am Anfang oft zu uns ins Kloster, aber keiner erzählte aus jener Zeit.“ Nach und nach aber hätten auch sie die Barrieren überwunden und über Schuld und Ängste gesprochen.

Beschönigen wollte sie nie etwas

Ihr niederländischer Akzent half ihr oft, Schranken abzubauen. „Irgendwie sahen viele in mir deshalb auch ein Opfer der Nazi-Zeit.“ Gerade die vielen ehemaligen Gefangenen aus den Benelux-Staaten fassten schnell Vertrauen. Ihre eigene Geschichte aber konnte sie lange Zeit nicht weiterschreiben. Erst nach einigen Jahren kamen ihre Geschwister das erste Mal zu Besuch. „Vorsicht“, hatte ihr jüngster Bruder sie noch gewarnt. „Es gibt noch viel mehr Vorbehalte als du denkst.“

Kapelle in Esterwegen
Gebet in der Kapelle in Esterwegen. Eine Lore, wie sie die Lagerinsassen schoben, ist zum Altar geworden.

Die spürte sie, als sie gemeinsam durch die Erinnerungsräume gingen. „Ich habe nichts beschönigt, habe das Grauen des Lagers wie immer in aller Deutlichkeit gezeigt.“ Im „Raum der Sprachlosigkeit“ wurde die bedrückende Stille dann plötzlich unterbrochen. „Nach und nach zählten meine Geschwister die Namen ihrer Freunde auf, die unter dem Nazi-Regime gelitten hatten.“ Am Ende begann eine ihrer Schwestern zu singen, alle fassten sich an den Händen und stimmten mit ein. „An diesem Tag haben wir zusammen Versöhnung gefunden.“

Versöhnung war immer ihr Ziel

Mit jenem Bruder, der den Kontakt zu ihr abgebrochen hatte, fand sie die erst auf seinem Sterbebett. „Es war das erste Mal, dass ich ihn wieder besuchen durfte.“ Sie beteten zusammen, sie segnete ihn.  Als sie ging, winkte er ihr lächelnd nach. „Das war das schönste Geschenk meines Lebens.“ Weil auch das ein Zeichen der Versöhnung war. Eine Versöhnung, die sie ihr ganzes Leben lang sucht. Für sich und für andere. Und die sie als Kind im kleinen Dorf bei Sneek zu leben lernte. Von ihrem Vater, dem Widerstandskämpfer.

Die Emslandlager
Das Lager in Esterwegen war eins von insgesamt 15 sogenannten Emsland-
lagern, die zwischen 1933 und 1945 von den Nationalsozialisten eingerichtet wurden. Die Nutzer wechselten: SS, Justiz und Wehrmacht übernahmen zeitweise das Kommando. Insgesamt wurden in den Lagern 80 000 KZ-Häftlinge und Strafgefangene sowie mehr als 100 000 Kriegs-
gefangene eingesperrt. Bis zu 30 000 Menschen starben dort.

Die Insassen waren zum Großteil aus politischen, rassistischen oder kriminellen Gründen in Haft. Zudem gab es viele Kriegsgefangene. Sie wurden vorwiegend im Moor eingesetzt, zum Abbau von Torf und zum Anlegen von Entwässerungsgräben.
Der Begriff „Moorsoldaten“ wurde geprägt – ein Name, den sich die Gefangenen selbst gaben. Berühmt geworden ist er durch das Lied „Wir sind die Moorsoldaten“, das über das Emsland hinaus zum prägenden Lied des Widerstands in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern wurde.

Heute gibt es in Esterwegen eine Gedenkstätte mit Besucherzentrum, Ausstellungräumen und dem Außengelände. Dort wird mit Stahlelementen, Bäumen und Schotterflächen die ursprüngliche Lagerstruktur sichtbar.