Platz 1: Fotoausstellung mit Flüchtlingen

Ehrenamtspreis für Gerburgis Sommer

Den Kuchen hat der benachbarte Bäcker spendiert, Kaffee und Tee haben die vielen Ehrenamtlichen gekocht. Im ehemaligen Klassenzimmer der Ehrich-Kästner-Schule wurden die Tische zu kleinen Sitzgruppen zusammengeschoben. Als der Deutschunterricht im benachbarten Raum zu Ende ist, füllt sich der Raum schnell. Das „Willkommens-Café“ in Haltern hat geöffnet. Und viele Flüchtlinge kommen dankbar.

Hier ist ein zentraler Ort, an dem ihre Idee wuchs, verrät Gerburgis Sommer. Hier und überall dort, wo sie geflüchteten Menschen begegnete, bekam ihr Projekt Konturen. Im Deutschunterricht für Flüchtlingskinder, bei der Betreuung einer syrischen Familie oder bei ihrer Arbeit im Migrationskreis der Stadt Haltern – aber auch in den Straßen der Stadt: „Ich sah, dass sich das Bild veränderte, dass immer mehr Menschen anderer Hautfarben und Kulturen zu sehen waren.“

Mit Offenheit und Neugier

Die freie Journalistin begegnete dem Fremden mit großer Offenheit und einer guten Portion Neugier. „Ich wollte wissen, welche Geschichte diese Menschen zu erzählen haben, was sie erlebt haben, was sie empfinden.“ Mit ihren Fragen stieß die 47-Jährige auf eine ähnliche Offenheit der anderen Seite. „Viele Flüchtlinge waren froh, dass ich mehr von ihnen erfahren wollte, dass auch ihre Vergangenheit zählte, dass mich mehr als nur ihre jetzige Situation interessierte.“

Die Lebenswege, von denen sie erfuhr, erschütterten sie. „Wenn ein junger Mann berichtet, wie seine Familie getötet wurde, wie er alles zurückließ, um zu überleben, und unter welch katastrophalen Umständen er nach Deutschland kam – dann raubt mir das immer noch den Atem.“ Nicht selten kamen ihr die Tränen. Sie empfand ein Wucht, die sie nicht für sich behalten wollte. „Diese Geschichten müssen auch von anderen gehört werden.“ Das war ihre Idee.

Verständnis für die Situation der Flüchtlinge

Etwa ein Jahr später hat sich daraus ein vielseitiges Projekt entwickelt. Einer ersten Porträt-Serie in der „Haltener Zeitung“ folgte die Konzeption der Ausstellung. „Die positive Resonanz auf die Artikel hat mich dazu motiviert.“ Sommer suchte sich Helfer: eine Fotografin, eine Kommunikationsagentur, den Caritasverband in Haltern. Nach und nach führte sie Gespräche mit Flüchtlingen, mittlerweile sind über 30 großformatige Fotos entstanden, große Banner wurde gedruckt, die Internetseite www.gesichter-einer-flucht.de erschien.

Bei ihrem Engagement spürte sie, was sie mit ihrer Idee bei allen Beteiligten anstieß. „Da ist ganz viel Betroffenheit“, sagt sie. Vor allem wachse aber ein Verständnis für die Situation der Flüchtlinge. Dass sie in der Ausstellung auch Fluchtgeschichten nach dem Zweiten Weltkrieg oder aus der DDR zu erzählen lässt, bringt für die Menschen in Deutschland in Sommers Augen eine besondere emotionale Nähe. „Ich hoffe, dass die Besucher dadurch ihre Scheu gegenüber Menschen auf der Flucht verlieren.“

Ballast abgeworfen

Und auch die Flüchtlinge können Ballast abwerfen, wenn sie die Texte gemeinsam entwickeln. „Irgendwann bekommt das Erlebte so etwas wie ein Gerüst, das zur Verarbeitung ihrer schlimmen Erlebnisse beitragen kann“, hat sie festgestellt.

Etwa für Reber, einem Jesiden aus dem Irak, der im vergangenen Jahr seine Heimat verlassen musste, um dem Terror des IS zu entkommen. „Wenn man ein neues Leben beginnen möchte, dann muss man die Vergangenheit ein Stück hinter sich lassen“, sagt der 23-Jährige. Auch wenn er noch oft mit großer Sehnsucht an seine Familie und sein altes Leben als Mathematik-Student denkt, sagt er: „Es fällt mir leichter, weil ich meine Geschichte erzählen durfte.“

 Ausstellung wandert durch ganz Deutschland

Er tut es zusammen mit Gerburgis Sommer, hilft bei der Pflege der Internetseite, geht mit zu begleitenden Veranstaltungen der Ausstellung. Die wurde bislang über 30 Mal aufgebaut, wandert durch ganz Deutschland, machte Station in 16 Städten. Sommer organisiert alles, hält Vorträge und kümmert sich um die Pressearbeit. Ihre Motivation sinkt dabei nicht, sagt sie: „Ich kann nicht entscheiden, welcher Flüchtling bleiben darf und wer wieder gehen muss – ich kann aber helfen, dass das Miteinander mit ihnen gelingt.“