Wie eine 86-jährige schwerkranke Frau auf ihr Leben zurückblickt

Ein besonderer Advent – Erwartungen am Lebensende

Eben war ihr noch schrecklich übel. Ob sie das Gespräch durchhält? „Wir versuchen es“, sagt Monika Rieser (Name von der Redaktion geändert) und lächelt. Die Bestrahlung ist anstrengend. Wenige Minuten dauert die Behandlung nur, doch die Folgen haben es in sich. Übelkeit, Kopfschmerz und Müdigkeit wechseln sich ab, das Essen auf dem Tablett ist unberührt.

Die 86-Jährige sieht gut aus für das, was sie durchgemacht hat. Frisiertes Haar, etwas Rouge auf den Wangen. „Mir wird immer gesagt, dass man mir das Alter nicht ansieht“, sagt sie und lächelt. Früher sei sie oft älter geschätzt worden.

"Da ist was"

Unvermittelt kommt sie zum Punkt: Ihre Krankheit kam für sie nicht überraschend. „Ich bin jetzt in dem Alter, das man auch Sterbealter nennt. Irgendwann ist es Zeit, Abschied zu nehmen“, sagt sie.

Trotzdem war sie nicht darauf gefasst, als sie vor einem Jahr stürzte. Ein doppelseitiger Beckenbruch wurde diagnostiziert. Doch der Bruch verheilte schlecht: „Ich habe zu meinem Mann gesagt: ,Da ist was‘, doch die Ärzte meinten, es sei ein Hämatom.“

Diagnose Krebs

Ein weiterer Check bei einem Arzt brachte das Ergebnis: Knochenkrebs. „Es war wirklich schlecht um mich bestellt“, meint Monika Rieser. „Mit der Diagnose Krebs konnte ich nichts anfangen.“

Lange Krankenhausaufenthalte schlossen sich an: „Man tritt nicht ganz so einfach ab“, fügt sie trocken an, und nippt an ihrem Tee. „Manche Menschen erleiden einen Herzinfarkt oder schlafen einfach ein, das ist schon eine Gnade.“ Die Münsteranerin bezeichnet sich als spirituell, aber nicht kirchlich gebunden.

Zum Mann aufs Schiff in Indonesien

„Ich bin evangelisch sozialisiert, aber schätze eine spirituelle Ausrichtung, in der sich Wissenschaft und Religion die Hand reichen“, sagt sie.

1934 in Münster geboren, erlebte sie ihre Kindheit im Krieg. Der Vater wurde eingezogen, kam auch zurück, aber die Ehe ihrer Eltern zerbrach an der langen Trennung. Als 21-Jährige wollte die junge Frau etwas von der Welt sehen.

Sie ging aufs Schiff – zu ihrem Mann nach Indonesien, den sie zuvor kennengelernt hatte: „Mein Vater hatte seinen Segen gegeben, schließlich hatte ich mein Examen schon in der Tasche.“ Eine aufregende Zeit in einem fremden Land folgte, die sie sehr genoss.

„Das Leben immer am Schopf gefasst“

Rückblickend sagt sie: „Ich habe das Leben immer am Schopf gefasst.“ Auch nach der Trennung von ihrem ersten Mann: „Wir haben zu jung geheiratet, und wir waren zu verschieden.“

Die zwölf Jahre, die sie dann als allein erziehende Mutter mit ihrer Tochter verbrachte, bezeichnet sie als „die schönsten meines Lebens“. Da ihre Mutter auf das Kind aufpasste, konnte Monika Rieser in ihrem Beruf als medizinisch-technische Assistentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin arbeiten.

„Krankenhäuser sind mir durchaus vertraut“, sagt sie mit einem Lächeln und klopft leicht auf die Decke auf ihrem Krankenbett. „Das Leben war rund“, sagt sie gelassen. Ecken haben sich mit der Zeit abgeschliffen. Nur ein Vorfall schmerzt so sehr, dass sie auch heute nur schwer darüber sprechen kann: „Mein jüngerer Bruder verunglückte 1943 – bei einem Verkehrsunfall.“

Damals gab es fast keine Privat-Autos mehr auf den Straßen, „alle beschlagnahmt“. Aber ausgerechnet an dem Tag, an dem Monika zum Einkaufen geschickt wurde, lief ihr jüngerer Bruder ihr unbemerkt nach und wurde überfahren. „Auf dem Rückweg sah ich ihn auf der Straße liegen.“ Die Schuldgefühle, die Fragen: „Was wäre, wenn ich ihn mitgenommen hätte?“, bewegen die alte Dame auch heute noch.

Mehr als nur Materie

Ihr Glück fand sie schließlich in der Ehe mit ihrem zweiten Mann: „Wenn mich das Leben etwas gelehrt hat, dann die, keine Erwartungen zu haben. Man muss loslassen können, voller Vertrauen, dass da noch etwas kommt.“

Was jetzt noch auf sie zukommt, weiß sie nicht: „Ich kann mich nicht dazu entschließen, Angst zu haben“, meint sie sachlich. Ihre Spiritualität helfe ihr dabei. „Ich bin fest davon überzeugt, dass wir mehr als nur Materie sind. Ich bin sicher, dass meine Seele mit offenen Armen empfangen wird.“

Die 86-Jährige wird in wenigen Tagen nach Hause entlassen. Dort wird die Behandlung mit Spritzen und Tabletten fortgesetzt.

Ob sie noch Erwartungen habe? „Ich habe die Erwartung an mich, aus jedem Tag das Beste zu machen.“ Das sagt sie nicht einfach so: „Als Kinder Gottes haben wir eine Verantwortung mitbekommen, uns zu besseren Menschen zu entwickeln. Für mich heißt das, am Ende zu reflektieren: Wie hast du deinen Tag verbracht? Was ist gelungen?“