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Redakteur Michael Rottmann über die ungleiche Impfstoff-Verteilung in der Welt

Ein durchgeimpftes Europa ist zu wenig

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In den Industrienationen nehmen die Corona-Impfungen Fahrt auf. Die meisten ärmeren Länder warten bisher vergeblich auf Ampullen. Auch die Kirchen warnen vor gefährlichen Folgen dieser Ungleichheit – für alle. Zu Recht, meint Michael Rottmann.

Die Ungeduld ist verständlich: wenn auch beim x-ten Versuch immer noch niemand rangeht im Corona-Call-Center, wenn man wochenlang auf den Brief mit dem Impftermin wartet. Wenn alles irgendwie zu lange dauert.

Dazu kommen manch empfundene Ungerechtigkeit und die gerne kolportierten, leider manchmal wahren Gerüchte von Impfdränglern. Erst mit der Aussicht auf immer mehr Biontech-Pfizer-Moderna-Astrazeneca-Ampullen lassen sich die Gemüter einigermaßen beruhigen. Ein Licht am Ende des Tunnels! Geschafft!

Mehr als 100 Länder haben noch nicht einmal begonnen, zu impfen

Geschafft? Von wegen! Wenn wir unseren deutsch-europäischen Corona-Vorgarten irgendwann einigermaßen gejätet haben, ist die Arbeit längst nicht getan. In mehr als 100 Ländern der Erde hat das Impfen noch nicht einmal angefangen. Sie können es sich schlicht nicht leisten.

Ghana zum Beispiel hat Ende Februar die erste Lieferung erhalten, als erster von 20 afrikanischen Staaten, die über die COVAX-Kampagne der reichen Staaten unterstützt werden. Weltweit sollen auf lange Sicht zwei Milliarden Dosen an 92 Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen verteilt werden. Immerhin.

Niemand ist sicher, bevor nicht alle sicher sind

Doch vorerst priorisieren die wohlhabenden Länder sich selbst. Zehn Staaten hatten bis Ende Februar drei Viertel aller bisherigen Impfungen durchgeführt, wiegen sich aber nur in scheinbarer Sicherheit. UN-Generalsekretär Antonio Guterres warnt zu Recht davor, dass schon bald neue, gefährliche Mutationen drohen könnten – sollte sich das Virus im abgehängten Teil der Welt ungehemmt ausbreiten. Ohne eine globale Impfstrategie zeichnet sich neben der moralischen auch eine Katastrophe ab, die gefährlich in die Industrieländer zurückschwappen könnte.

Caritas International und Vatikan fordern daher den UN-Sicherheitsrat auf, den Zugang zu Impfstoffen als weltweites Sicherheitsproblem zu erörtern. Und auch dem Bamberger Erzbischof Ludwig Schick ist zuzustimmen, wenn er die reichen Länder Europas bei der Eröffnung der Misereor-Fastenaktion in seinem Bistum als „nationale Impfdrängler“ bezeichnet und vor den Folgen dieses Egoismus warnt. Bei aller Freude darüber, wenn es bei uns irgendwann schneller läuft, gilt eben auch: Niemand ist sicher, bevor nicht alle sicher sind.

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