Werner Schniedermann aus Everswinkel will Lohndumping beseitigen

Ein Kolpinger kämpft gegen Tarifflucht

Diplom-Geograf Werner Schniedermann (64) aus Everswinkel bei Warendorf ist ein Mann der Wirtschaft. Als Geschäftsführer leitete er den Flughafen Köln-Bonn und den Flughafen Münster-Osnabrück (FMO), war davor Verkehrsvorstand der Stadtwerke Osnabrück. Heute ist er Sprecher einer Arbeitsgemeinschaft mittelständischer Busunternehmen – er kennt also die Arbeitswelt.

Bei Kolping engagiert sich Schniedermann ehrenamtlich. Was den Unternehmensberater aufregt: „Millionen Menschen mit ganz normalen Berufen rutschen in den Niedriglohnsektor ab.“ Das hat nach seiner Einschätzung katastrophale Folgen, zum Beispiel Renten auf Hartz-IV-Niveau. Und es könne zu Altersarmut führen. Zu massiven Abstiegsängsten und damit zu einer Radikalisierung.

Lohndumping bei Busfahrern und Paketzustellern

Werner Schniedermann
Kolpinger Werner Schniedermann kämpft für verpflichtende Branchenlöhne. | Foto: Kolpingwerk Münster/Kleinschneider

„Die Politik muss das ernst nehmen und nach konkreten Lösungen suchen“, fordert er. Um dieses Ziel zu erreichen, hat die Kolpingsfamilie Everswinkel die Initiative „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit am gleichen Ort“ gegründet. Niedriglöhne würden in der Fleischindustrie, im Einzelhandel, vor allem aber im Dienstleistungssektor gezahlt – an Busfahrer, Postboten, Paketzusteller, Altenpfleger.

Viele Dienstleistungen waren früher öffentlich. Bahn, Post, Nahverkehr oder Weiterbildung sind privatisiert worden. Wer mithalten will, muss sich dem europaweiten Bieterwettbewerb stellen. Zu den Profiteuren dieser Entwicklung zählen ausgerechnet jene Betriebe, die sich aus der Tarifbindung von Arbeitnehmern und Arbeitgebern verabschiedet haben und nun geringere Löhne zahlen.

 „Die Unternehmen werden immer stärker vor die Wahl gestellt, beim Lohndumping mitzumachen oder aus dem Markt auszuscheiden“, stellt Schniedermann verärgert fest.
Das bedeutet in der Praxis: Tarifflucht wird zum Jobkiller – wer noch nach Tarif zahlt, hat das Nachsehen. So waren etwa der Fahrdienst der Malteser für Behindertenwerkstätten oder Weiterbildungseinrichtungen in Trägerschaft der Kreishandwerkerschaft Warendorf nicht mehr konkurrenzfähig – sie mussten schließen. „Die Entlassenen konnten beim Wettbewerber mit einer Kürzung von einem Drittel des Gehalts wieder einsteigen“, empört sich Schniedermann. Bruttolöhne rutschten von 3600 auf 2300 Euro.

Der Ausstieg aus dem Tarif führt nach Ansicht des Kolpingmitglieds zu Egoismus und hat mit sozialer Marktwirtschaft nicht mehr viel zu tun. Das System widerspreche der katholischen Soziallehre, und die ist für ihn nicht abstrakt, sondern praktisch umsetzbar: „Sie liefert Ideen, wie Menschen solidarisch miteinander leben können.“ Staat und Gesellschaft seien aufgefordert, durch Regeln zu einem fairen Miteinander beizutragen. Fairness sieht Schniedermann in der Einführung allgemeinverbindlicher Branchenlöhne, so wie sie in den Nachbarländern üblich sind.

Scheck über 500 Euro

Bei der Einführung von Branchenlöhnen ist für den Kolpinger der Bund gefragt. Bei der Suche nach Mitstreitern fand er Unterstützung beim Diözesanverband des Kolpingwerks Münster. Der Bundeshauptausschuss des Kolpingwerks nahm sich 2014 des Themas an. Im Oktober 2016 hat die Bundesversammlung des Verbandes in Köln den Beschluss von 2014 aktualisiert und auf eine breitere Basis gestellt. Nun geht es auch um ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern, von Jung und Alt, bei Leiharbeit und Werkverträgen. Bereits zuvor hatte die Gemeinschaftsstiftung des Kolpingwerks Deutschland die Initiative für ihr soziales Engagement ausgezeichnet. Die Kolpingsfamilie Everswinkel bekam einen Scheck von 500 Euro überreicht.

Aus der Initiative haben sich für Schniedermann Kontakte zur Deutschen Bischofskonferenz, zum Katholischen Büro in Berlin und zum Zentralkomitee der deutschen Katholiken ergeben. Auch in der Politik führt er Gespräche mit den Abgeordneten der Region und mit Fachabgeordneten, um zu fairen Löhne zu kommen. Sein Eindruck: Politiker finden das Thema zwar interessant, aber die Parteispitzen wollen es bisher nicht aufgreifen. Doch Schniedermann erhofft sich dadurch Fortschritte, dass das Kolpingwerk Deutschland in diesem Jahr den Kampf gegen Tarifflucht und Lohndumping während des Bundestagswahlkampfs zur Sprache bringen will.