Pastoralreferentin Gunda Holtmann arbeitete im Einzelhandel und in der Wissenschaft

Ein ungewohnter Weg zur Seelsorgerin im Krankenhaus

Gunda Holtmann ist eigentlich eine Macherin. Sie war eine Kauffrau, die Entscheidungen trifft. Sie hat nach Hauptschule und Ausbildung zunächst den elterlichen Edeka-Markt in Sedelsberg (Kreis Cloppenburg) übernommen. Den Markt hat sie über die Jahre von 300 auf 800 Quadratmeter vergrößert, hat den Laden im Ort gehalten, trotz aller Konkurrenz der großen Supermärkte in der Umgebung. Sieben Angestellte hatte sie zuletzt, und einen Jahresumsatz von anderthalb Millionen Euro erwirtschaftet.

Später, im Pädagogik-Studium, hat sie begeistert gelernt, die Prüfung mit Eins bestanden, dann eine Doktorarbeit geschrieben. Ein großer Erfolg für die Frau. Auch da eine Macherin, die sich durchsetzte.

Holtmann bewegte viel

Noch später, als Sozialarbeiterin im Jugendamt beim Landkreis Friesland, hat sie für Hilfe gesorgt, wenn Kinder zu verwahrlosen drohten. Sie prüfte entsprechende Hinweise von Kinderärzten und Schulen, schrieb Hilfepläne, schrieb Stellungnahmen für das Gericht, wenn die Kinder für den Übergang in andere Hände kommen sollten. Zum Schluss leitete sie einen Regionalbereich im Amt.

Gunda Holtmann hatte also immer etwas bewegt und entschieden, immer auch etwas erreicht. Und jetzt Seelsorgerin? Als Pastoralreferentin in einem Krankenhaus? Wo ist man da eine Macherin?

Im Krankenhaus eher zuhören

Das fragte sich Gunda Holtmann selbst, schon in der Ausbildung im Städtischen Klinikum Oldenburg. Sie habe zu ihrer Ausbilderin einmal gesagt: „Ich mache viel zu wenig.“ Gunda Holtmann erinnert sich noch gut an deren Antwort: „Gerade das muss so sein bei unserer Arbeit im Krankenhaus. Wir machen nichts, sondern wir hören zu und halten mit den Menschen ihr Schicksal aus.“

Für Gunda Holtmann wurde das ein besonders wichtiger Satz, der ihr neues Berufsleben in ein ganz anderes Licht stellte. Nicht mehr Macherin, nicht mehr etwas erreichen.

Holtmann suchte große Aufgabe

Aber genau das habe sie ja letztlich gesucht, berichtet sie. Denn über die Jahrzehnte sei für sie immer eine große Frage offen geblieben: Ist das wirklich alles? Soll das mein Leben sein? Den Laden hat sie irgendwann aus gesundheitlichen Gründen abgeben müssen („der Rücken“). Sie suchte nach einer neuen Aufgabe, war auch kurz arbeitslos.

Ihren Traum, doch noch Soziale Arbeit zu studieren, hat sie sich hart erarbeitet, nach einer besonderen Prüfung. Später hat sie sich dann mit Bafög und mit Studentenjob ernährt. „Aber das war wunderbar, da habe ich habe das Lernen für mich entdeckt.“

Den Glauben gefunden

Sie lernte an der Uni Oldenburg auch zusammen mit einer jungen Studentin, schlug der einmal vor, doch am Sonntagmorgen zu lernen und zu frühstücken. Die sagte ab. Begründung: „Ich gehe sonntags zur Kirche.“ Gunda Holtmann war verblüfft. Klar, sie selbst war in Sedelsberg ja auch zur Kirche gegangen. Aber einfach so, weil alle gingen. „Ich habe geglaubt, weil es sich so gehörte.“ Später, in Oldenburg hatte sie ihren Glauben längst verloren. „Ich war sehr kirchenfern.“

Die junge Studentin nahm sie dann mit nach Hildesheim, zu einem „geistlichen Jahreswechsel“ in einem Kloster. Gunda Holtmann traf eine Ordensfrau, die sie tief beeindruckte.

Forum in Oldenburg geistliche Heimat

Sie führte lange Gespräche mit ihr, fuhr immer wieder dorthin, machte „tiefe Glaubenserfahrungen“. Heute sagt sie: „Ich habe eine innere Stimme gehört, ich war tief berührt.“  Zuhause in Oldenburg knüpfte sie Kontakte zum Forum St. Peter, fand dort eine geistliche Heimat. Da hatte sie das Studium schon abgeschlossen, eine Doktorarbeit geschrieben und nach langem Suchen („100 Bewerbungen!“) eine Stelle gefunden als Sozialarbeiterin beim Landkreis Friesland. Vielleicht war das nun ihre Lebensaufgabe?

Aber Gunda Holtmann hatte beim Forum St. Peter Schwester Barbara kennengelernt, die Pastoralreferentin im Pius-Hospital, dem katholischen Krankenhaus mitten in der Stadt. Sie half ihr, fuhr Patienten im Rollstuhl zum Gottesdienst in der Krankenhauskapelle, ging auch als Kommunionhelferin mit auf die Stationen bei der Krankenkommunion.

Neuer Anfang in Krankenhausseelsorge?

Die Schwester habe sie eines Tages gefragt: „Bist du zufrieden in Deinem Beruf? Krankenhausseelsorge wäre etwas für Dich.“ Gunda Holtmann weiß noch heute: „Das hat in mir etwas geweckt.“ Sie überlegte, wichtige Menschen hätten sie dann bestärkt. Sie begann mit 52 Jahren die Ausbildung zur Pastoralreferentin, speziell für Krankenhausseelsorge.

Sie habe in der Behörde in einem guten Team gearbeitet und gut verdient, keine Frage. Aber sie sei bei Elend und Hoffnungslosigkeit im Alltag der Arbeit „oft an meine Grenzen gekommen“. Jetzt aber fühle sie sich „wirklich am richtigen Platz“.

Ein Krankenhaus in Oldenburg

Jedoch: Elend und Hoffnungslosigkeit – wo mag es mehr davon geben als in einem Krankenhaus? Gunda Holtmann weiß das. Aber es hat sie nie wirklich zweifeln lassen an ihrer Aufgabe. Auch wenn es für sie bedeutet, sich auf lange Wege einzulassen und immer wieder neu an Türen zu klopfen.

Denn das bedeute ja etwas Gutes: von Bett zu Bett gehen, Menschen Hilfe anbieten. „Ihnen einfach zeigen, hier ist jemand, der wirklich Zeit hat für Dich.“ Zeit, die Ärzte, Schwestern und Pfleger heutzutage kaum noch haben könnten.

Viel zuhören im Pius-Hospital

Da sei die Seelsorgerin eine große Ausnahme. „Wenn wir eine Beziehung aufbauen, dann ist das so wertvoll!“ Dieses Zuhören habe sie in der Ausbildung eben erst einmal lernen müssen.

Aus der Frau, die eine „Macherin“ war, scheint jetzt also eine „Zuhörerin“ geworden zu sein.