Eine Frau mit Handicap kämpft gegen Stufen und andere Barrieren

Eine Expertin für Inklusion im Pfarreirat von Friesoythe

Zum Beispiel Barrierefreiheit. Das ist das erste, was Manuela von Garrel einfällt auf die Frage nach den Dingen, für die sie sich im Pfarreirat einsetzen will. „Barrierefreiheit, zum Beispiel im Gottesdienst.“

Die St.-Marien-Kirche in ihrer Heimatstadt Friesoythe sei zwar schon recht gut aufgestellt, mit einem Extra-Zugang für Rollstuhlfahrer. Auf Knopfdruck öffnet sich die Seitentür.

„Barrierefrei ist die Ausnahme“

„So etwas findet man aber viel zu selten“, sagt sie. „Und noch seltener sind barrierefreie Toiletten ohne Stufen. Das muss sich in Friesoythe und anderswo verbessern!“

Im Kircheninneren gingen die Schwierigkeiten meist weiter. „Fast überall führen Stufen hoch zum Altarraum.“ Wie solle man als Rollstuhlfahrer da mitmachen, wenn der Priester dazu einlade, sich um den Altar zu versammeln? Oder wenn man Messen als Messdiener oder Lektor mitgestalten wolle?

Eine Art Anwältin

Manuela von Garrel kennt das alles gut. „Expertin für Menschen mit Beeinträchtigungen“ – so kann man die 45-Jährige bezeichnen. Seit ihrer Entlassung aus der Sophie-Scholl-Förderschule, einer Tagesbildungsstätte für geistige Entwicklung, arbeitet sie in der Näherei der Werkstatt des Caritasvereins Altenoythe, bald 28 Jahre. Der Caritasverein ist die größte Einrichtung für Menschen mit geistiger oder körperlicher Beeinträchtigung im Landkreis Cloppenburg.

„Menschen mit und ohne Beeinträchtigung“, so wird derzeit sprachlich unterschieden. Eigentlich Unsinn, meint Manuela von Garrel lächelnd. „Wo fängt Beeinträchtigung denn an? Wenn ich Ihnen die Brille wegnehme, dann sind Sie doch auch beeinträchtigt, oder?“

„Auch die Sprache ist oft zu hoch“

Ihre eigene Brille benötigt sie für ihre Arbeit an der Nähmaschine. Dort fertigt sie zum Beispiel Stofftiere und Krabbeldecken für den Verkauf im Werkstattladen an. Oder sie näht so genannte Teichmatten, eine Auftragsarbeit für die Industrie.

Täglich ist sie bei der Arbeit oder während der Pausen mit Kolleginnen und Kollegen zusammen, die meisten wie sie selbst Menschen mit Beeinträchtigungen. Für manche seien viele Dinge in der Kirche einfach „zu hoch“, sagt sie und meint damit nicht nur die Stufen zum Altar. „Auch die Texte sind oft ein Problem“, sagt Manuela von Garrel. Zumal längst nicht alle lesen oder schreiben könnten.

Erste Sitzung im Herbst 2016

„Warum kann man in der Kirche nicht öfter Texte in leichter Sprache benutzen?“, fragt sich die 45-Jährige, die sich seit September auch als eine Art Anwältin versteht. Seit der Pfarrer von Friesoythe sie offiziell in den Pfarreirat berufen hat. Ganz bewusst, damit auch Menschen mit Beeinträchtigungen über Sitz und Stimme verfügen, wenn über die Belange der Kirche vor Ort entschieden wird.

An ihre erste Sitzung erinnert sie sich noch gut. Daran, wie ihr Herz klopfte an jenem Septemberabend 2016 im Pfarrhaus von Friesoythe, als der Pfarreiratsvorsitzende sie den anderen als neues Mitglied vorstellte.

Kein Lampenfieber mehr

Bei dieser Premiere hatte sie noch Irene Block an ihrer Seite, ihre Vertreterin im Pfarreirat, die beim Caritasverein für Seelsorge zuständig ist. Mittlerweile ist Beistand überflüssig. Das Lampenfieber sei verflogen. „Jetzt gehe ich da alleine hin“, sagt Manuela von Garrel in selbstbewusstem Tonfall.

Und sie sitzt beileibe nicht nur dabei. Die Diskussionen im Pfarreirat habe sie bisher immer ganz gut verfolgen und verstehen können. Zum Beispiel die der letzten Sitzung. Manuela von Garrel zieht den Ordner mit der Tagesordnung aus der Tasche – und stößt dabei gleich auf ein Beispiel für das, was sie „sprachliche Barriere“ nennt.

Ein Weg: Leichte Sprache

„Feststellung der ordnungsgemäßen Ladung und der Beschlussfähigkeit“ lautet einer der ersten Tagesordnungspunkte. Sie lächelt. „Da wäre etwas leichtere Sprache auch im Protokoll hilfreich. Aber der Pfarrgemeinderat will sich ja noch weiter verbessern“, meint sie nachsichtig.

Zum Beispiel, was den Pfarrbrief angehe. Darin erschienen zwar mittlerweile auch die wichtigen Termine des Caritasvereins. Aber er sei eben noch nicht anteilig in leichter Sprache verfasst. Auch das könne sich auf Dauer ändern.

Ihr Hobby ist die Musik

Zu den meisten Themen auf der Tagesordnung des Pfarreirats weiß Manuela von Garrel etwas zu anzumerken. Zu Fragen wie: Soll in einem kleinem Gemeindeteil die Abendmesse ausfallen, wenn nachmittags schon ein Requiem für einen Verstorbenen gefeiert wurde? Oder: Wie verhält es sich mit dem Priester aus Rumänien, der bald ein Praktikum in der Gemeinde absolvieren wird?

Sie höre geduldig zu, melde sich von Fall zu Fall, werde nach ihrer Meinung gefragt und hebe bei Abstimmungen die Hand. Sie entscheidet und gestaltet mit. Ein Gefühl, ganz ähnlich wie bei ihrem Hobby: der Musik. Wenn sie die Melodie mit vorgibt und zusammen mit dem Gemeindegesang ein Lied daraus wird.

Ihr Glaube hilft ihr

Manuela von Garrel spielt in einem Orchester des Caritasvereins. Menschen mit und ohne Beeinträchtigung musizieren dort gemeinsam. Sie selbst sitzt am Keyboard. Am liebsten spielt sie „Möge die Straße...“, den Irischen Segensgruß.

Sie mag Gottesdienste. Aber sie geht gerne „auch mal so“ in die Kirche. „Wenn ich in der Stadt unterwegs bin, zünde ich öfter für jemanden eine Kerze an“, sagt Manuela von Garrel. „Ich bleibe einen Moment stehen und denke zum Beispiel an jemanden, der verstorben ist.“

„Glauben und beten hilft mir“, sagt Manuela von Garrel. „Diese Erfahrung möchte ich an andere Menschen weitergeben. Als Mensch mit Beeinträchtigung, der im Pfarreirat nicht nur Empfänger, sondern auch Sender sein kann.“