MEINUNG

Einsam unter vielen – warum Nähe (wieder) gelernt werden muss

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Gut vernetzt, aber kaum eingebunden – so erlebt Aaron Dörstel junge Menschen. Doch die Konsequenzen hält er für unterschätzt.

Manchmal beginnt Einsamkeit nicht mit Leere, sondern mit Überfüllung. Sie sitzt in Hörsälen, Klassenzimmern und langen Fluren - mitten unter Menschen, die doch aneinander vorbeileben. Wir sind fast permanent sichtbar, aber werden immer seltener wirklich wahrgenommen. Diese Spannung aus Nähe und Distanz prägt nicht nur eine ganze Generation, sie stellt uns alle vor eine Herausforderung, die wir lange unterschätzt haben.

Für junge Menschen ist das häufig Alltag. Gut vernetzt, aber kaum eingebunden. Sie veröffentlichen viel, lassen aber immer weniger an sich heran. Und während die Welt im Sekundentakt reagiert, bleibt das Eigentliche unberührt: die Sehnsucht, nicht nur gesehen, sondern verstanden zu werden. Intimität wird vorsichtig dosiert, Nähe rationalisiert - und unter all den Blicken findet sich kaum ein Gegenüber.

Verletzlichkeit ist mehr als ein Risiko

Der Autor
Aaron Dörstel studiert Katholische Theologie und Anglistik im Master auf Lehramt an der Universität Koblenz. 2023/24 verbrachte er ein ERASMUS+-Auslandsjahr in Göteborg. Seit Januar 2025 arbeitet er als Referent für Hochschulpastoral im Bistum Aachen.

Ich weiß, wie viel Mut es kostet, die eigene Rüstung abzulegen und darauf zu vertrauen, dass niemand schießt. Und manchmal wird geschossen. Doch gibt es auch die, die nicht auf mich zielen, sondern bleiben, zuhören und etwas in mir erkennen. Sie zeigen, dass Verletzlichkeit nicht nur Risiko ist, sondern Zugang zum Menschsein. Und wer sich nicht völlig einigelt, entdeckt, dass Einsamkeit auch ein Prüfstein sein kann. Sie zeigt uns, wonach wir uns wirklich sehnen: nach Beziehungen, die nicht auf Leistung beruhen, sondern auf Bereitschaft.

Das Problem ist weniger ein Mangel an Menschen als ein Mangel an Menschlichkeit. Analoge Formate bleiben erstaunlich leer, während wir die digitalen Räume kaum wahrnehmen, in denen junge Menschen längst selbstverständlich unterwegs sind. Ich erlebe das auch in meiner eigenen Arbeit: Das Internet wirkt aus kirchlicher Sicht bis heute wie eine Art „Area 51“, man weiß, dass es sie gibt, aber wenige kennen sich dort wirklich aus. Genau deshalb versuche ich, solche Orte zu erschließen und über Einsamkeit zu sprechen - nicht als Ersatz für Gemeinschaft, sondern als Anstoß dazu.

Jugendliche wollen Verantwortung

Kirche muss das Rad nicht neu erfinden, sondern junge Menschen beteiligen: dort, wo Entscheidungen tatsächlich entstehen und getroffen werden. Es geht nicht darum, Jugendliche „abzuholen“ - als könnte man sie einfach wieder irgendwo bequem „absetzen“ -, sondern sie einzubeziehen: mit Verantwortung und Wirkung.

Einsamkeit verliert ihren Schrecken, wenn wir den Mut finden, uns einander wieder zuzumuten. Vielleicht entsteht Gemeinschaft genau dann: wenn niemand mehr allein bleiben muss, weil jemand den ersten Schritt macht. Einsamkeit ist kein Schicksal, sondern eine Aufgabe - und die lösen wir nur gemeinsam.

„Niemand soll dich wegen deiner Jugend geringschätzen!“, ermutigt der 1. Timotheusbrief (4,12) seinen Empfänger Timotheus. Und in der 1.500 Jahre alten Benediktsregel rät der heilige Benedikt, bei wichtigen Dingen alle Brüder anzuhören, „weil der Herr oft einem Jüngeren offenbart, was das Bessere ist“ (RB 3,3). Darum kommen in unserer Rubrik „Der junge Kommentar“ ausdrücklich Autor:innen unter 30 Jahren mit ihrer persönlichen Meinung zu einem selbst gewählten Thema zu Wort. Sie sind ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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