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Viele Lebensmittel landen hierzulande im Müll. Das liegt auch daran, dass wir sie nicht als Geschenk verstehen, sagt Karl Kemper.
Das Thünen-Institut hat im Auftrag des zuständigen Bundesministeriums berechnet, dass zur Zeit 74,5kg Lebensmittel pro Kopf und Jahr in Deutschland im Abfall landen. Passend zum Erntedankfest wurden diese Zahlen nun veröffentlicht.
Zugleich wurden die Hauptursachen dafür benannt und Vermeidungsstrategien aufgezeigt, um diesen hohen Anteil durch ein verändertes Konsumverhalten zu reduzieren. Aus meiner Sicht greift dies zu kurz. Es scheint mir nicht nur am Konsumverhalten, sondern auch an der Konsumeinstellung zu liegen.
Unverdiente Erlösung
Der Autor:
Karl Kemper (60) ist seit gut vier Jahren Propst in St. Peter, Recklinghausen. Zugleich nimmt er die Funktion eines Kreisdechanten des gleichnamigen Kreisdekanat wahr. Seine Hobbys sind ganz klassischer Natur: er liebt es zu lesen und ist ein großer Fan der Musik.
In Recklinghausen steht ein „Garten der Religionen“ offen für alle Interessierten. Dieser Parcours des Nachdenkens und Kennenlernens verbindet in einem Bereich jede Religion und Weltanschauung mit einem einzigen Begriff. Ein schwieriges Unterfangen. Für das Christentum wurde der Begriff „Geschenk“ gewählt. Ich gebe zu, dass ich anfangs befremdet und auch ein wenig enttäuscht über diese Wahl gewesen bin. Mit der Zeit hat sich dies verändert. Denn unser Glaube beruht auf einem einzigartigen Geschenk: Jesus Christus. Seine Botschaft und seine Erlösung sind unverdient und eine Gabe Gottes, gegeben in völliger Freiheit und frei von Berechnung. Das bedeutet etwas.
Ich blicke auf mein Leben und erkenne, dass Wesentliches vor allem ein Geschenk ist: echte Liebe, wahre Freundschaft, mein Leben selbst… Diese Geschenke kann ich nicht „kontrollieren“ und erarbeiten, ich kann mich aber ihrer würdig erweisen und sie vor allem nicht als eine Selbstverständlichkeit ansehen, auf die ich Anrecht haben und Anspruch erheben kann. Ein Geschenk setze ich nicht voraus und konsumiere es nicht eher gedankenlos. Ich behandle es mit mehr Respekt und Bewusstsein. Denn ein solches Geschenk ist und bleibt eine freie Gabe.
Freie Gabe
Unser Zusammenleben in der Gesellschaft regelt sich aus Rechten und Pflichten, berechtigten Ansprüchen und Anforderungen. Diese sind im Zweifel und im Notfall einklagbar. Und doch erleben wir, dass die Qualität unseres Zusammenlebens viel weniger durch ein Narrativ von Recht und Pflicht geprägt wird, sondern von der freien und nicht berechnenden Gabe von Menschen, die sich für Mensch und Welt (Schöpfung) einsetzen.
Wir nennen das Ehrenamt oder Nachbarschaftshilfe. Dieser Einsatz ist Geschenk. Wir können es nicht einfordern oder einklagen, wir haben keinen Anspruch darauf, gleichwohl baut eine lebenswerte Gesellschaft genau auf dieses Geschenk. Laut Statistik sind übrigens Christinnen und Christen überdurchschnittlich im Ehrenamt vertreten. Mag es vielleicht an ihrem Verhältnis zum Geschenk liegen?
Zurück zur Lebensmittelverschwendung. Sollte es uns gelingen, Lebensmittel nicht nur als Konsumgüter zu verstehen und zu behandeln, sondern als Geschenk, eine Gabe die letzten Endes nicht einklagbar ist, sondern eine Gabe dieser Erde und ihres Schöpfers, gekoppelt an unsere Arbeit und unser Können, entstehen aus Haltung und Wertschätzung Strategien, mit dieser Gabe „Lebensmittel“ so umzugehen, dass schlichtweg weniger im Abfall landet.
Und womöglich wird Erntedank wieder mehr gefeiert und zu einem echten Fest der Dankbarkeit – für ein Geschenk.
In unseren Gastkommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.