Kirche ruft nach Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg zu Dialog auf

Erzbischof warnt vor „eigensinnigen Koaltionsverhandlungen“ im Osten

Die Reaktionen von Religionsvertretern nach den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen sind von Bestürzung und dem Blick nach vorne geprägt. Der Berliner Erzbischof Heiner Koch rief zu Dialog und Zusammenarbeit auf. Ab sofort müsse es „wieder um die drängenden Themen gehen, wie den Strukturwandel in der Lausitz, den Fachkräftemangel, eine gute Bildung und eine Anpassung der Lebensverhältnisse in Stadt und Land“, sagte Koch am Sonntagabend.

Der Erzbischof warb dafür, parteiübergreifend nach Lösungen zu suchen: „Langwierige und eigensinnige Koalitionsverhandlungen schaden dem Ansehen der Politik und vor allem dem Land.“ Das Erzbistum Berlin erstreckt sich auch in das Land Brandenburg. Von 2013 bis 2015 war Heiner Koch Bischof in der sächsischen Landeshauptstadt Dresden.

Bestürzung über Ergebnisse der AfD

Vertreter des Judentums und Holocaust-Überlebende zeigten sich bestürzt über die Wahlergebnisse der AfD. In beiden Ländern setze sich „der Trend in die rechtsextreme und von Wut und Hass dominierte Welt der AfD fort“, erklärte der Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, Christoph Heubner. Wenn „mehr als jeder fünfte Bürger in dieser Richtung abbiegt, hat die Demokratie in Deutschland ein ernstes Problem“, warnte er.

Laut vorläufigem amtlichen Endergebnis ist die AfD in beiden Ländern zweitstärkste Kraft: In Sachsen kommt sie demnach auf 27,5 Prozent (CDU: 32,1), in Brandenburg auf 23,5 Prozent (SPD: 26,2). Sie verzeichnete jeweils Stimmenzuwächse im zweistelligen Prozentpunktbereich.

Appell der Bischöfe Dresdens

Dresdens Bischof Heinrich Timmerevers und der evangelische Landesbischofs Carsten Rentzing haben sich in einer gemeinsamen Erklärung zum Wahlausgang geäußert. „Allen gewählten Parlamentariern wünschen wir eine hohe Sensibilität für die Sehnsucht der Menschen nach Freiheit, Sicherheit und einem gerechten Miteinander“, heißt es darin.

Zugleich appellieren sie an alle sächsischen Bürger, „in den kommenden Monaten die hohe Bereitschaft für ein gelingendes Miteinander fortzusetzen“. Weiter hieß es in der Erklärung: „Weder die Freiheit noch die Verantwortung enden mit dem heutigen Tag bis zur kommenden Wahl. Demokratie braucht Menschen, die sie aus Überzeugung und mit großer Lebendigkeit gestalten - unter der Prämisse, das Beste für die Menschen in unserem Land und darüber hinaus zu wollen.“

„Der Osten braucht kein Mitleid“

Der Direktor der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen, Thomas Arnold, sieht die Kirchen in einer wichtigen Rolle. „Kirche muss - trotz aller eigenen Strukturveränderungen - dort für die Menschen da sein, wo sie sich abgehängt fühlen, etwa im ländlichen Raum“, sagte Arnold der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Wichtig sei vor allem, die Bürgerdialoge im Land fortzusetzen. „Wir brauchen diese Debatten über und für das Gemeinwohl. Das ist keine Aufgabe einer Regierung, sondern aller gesellschaftlichen Player im Land.“

Zugleich betonte er: „Nicht an jedem dritten Gartenzaun steht bei uns ein Neonazi.“ Doch gebe es im Osten mit dem Jahr 1989 eine „ganz verstärkte Biografie-Bruch-Erfahrung“. „Der Osten braucht kein Mitleid. Aber einen realistischen Blick, wertschätzende Kritik und den Mut, seine eigene Geschichte zu erzählen“, sagte Arnold. „Ich glaube, wir müssen uns enorm bemühen, als Kirche Katalysatoren für diesen Dialog zwischen Ost und West, jung und alt, Stadt und Land zu werden.“

UPDATE 15:50 Uhr: Reaktion Bischof Timmerevers und Landesbischof Renzing.