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Nächstenliebe hat nichts mit Bequemlichkeit gemein. Gerade deshalb ist das Gebot so wichtig, legt Monika Wellermann dar.
In seinem Schlusswort vor Gericht am 20. Februar 2021 „outete“ sich der mittlerweile verstorbene Kreml-Kritiker und Oppositionsführer Alexej Nawalny als gläubiger Mensch. Nachdem er eine Vergiftung durch den russischen Geheimdienst knapp überlebt hatte und allen Warnungen zum Trotz nach Russland zurückgekehrt war, um seine politische Arbeit fortzusetzen, wurde er vom Moskauer Stadtgericht zu einer Haftstrafe im Arbeitslager verurteilt.
Seine aufrechte Haltung begründete er damals mit seinem Glauben, der ihm sehr helfe. „Es gibt da so ein Buch“, erklärte er, „das mehr oder weniger genau beschreibt, was man in welcher Situation zu tun hat. Es ist natürlich nicht immer einfach, sich daran zu halten, aber ich versuche es im Großen und Ganzen. Und deshalb fällt es mir wohl leichter als vielen anderen, in Russland Politik zu machen.“
Ein Samariter als Vorbild
Auf die Handlungsanweisungen in „diesem Buch“ verweist auch Jesus Christus. Seine Worte, Predigten und Gleichnisse sind zu einem großen Teil Ausfaltungen des einen Gebotes, das alles beinhaltet, auf dem alles aufbaut: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst“ (Lk 10,27).
Jesus beantwortet die Frage danach, wer denn wohl der Nächste sei, mit seinem sehr bekannten Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Hier begegnet uns im Samariter ein Mensch, dem gar nicht viel zugetraut wird. Ein Samariter ist ein Geächteter, kein angesehenes Mitglied der jüdischen Gemeinschaft. Dennoch handelt er als Einziger nach der Weisung der Schrift, die ebenso wie für die Juden in Judäa die Grundlage seines Glaubens ist. Es ist nicht anzunehmen, dass für ihn die Unterbrechung seiner Reise weniger lästig ist als für die beiden, die an dem überfallenen und verletzten Kaufmann vorbeigehen. Auch er muss seinen Weg verlassen, Kosten und Mühen auf sich nehmen und Zeit investieren.
Nächstenliebe kommt zur Unzeit
Die Lesungen vom 15. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr C zum Hören finden Sie hier.
Das ist das Problem mit den Bewährungsproben im Leben: Sie kommen oft zur Unzeit, bringen unsere Pläne und manchmal sogar das ganze Leben durcheinander. Es ist keine Lücke, kein Schlupfloch vorgesehen in diesem wichtigsten Gebot. Da steht nicht: Liebe deinen Gott, wenn es dir zeitlich gerade gut auskommt. Kümmere dich um deinen Nächsten, wenn es dir nicht zu viel Unannehmlichkeiten bereitet. Nein, es ist ganz klar die Rede davon, das ganze Leben nach diesem Gebot auszurichten.