BIBEL AM SONNTAG (17. Sonntag/C)

Hermann Kappenstiel: Rund 80.000 Vaterunser im Leben

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Warum glauben Christen an Gott? Die Antwort ist nicht immer leicht und gleich, weiß Hermann Kappenstiel und legt die Lesungen aus.

Wenn man mit Gott so verhandeln könnte wie damals Abraham! Wenn wir Gott nur zu bitten bräuchten und bekämen das Erbetene! Wäre doch schön. Oder? Man könnte meinen: Jesus sagt Ähnliches: Bittet, und es wird euch gegeben. Denn wer bittet, der empfängt. „Stimmt doch nicht!“, sagen nicht wenige. „Oder glaubst du das etwa?“, werde ich gefragt; und ich muss antworten.

In einem religiösen Elternhaus aufgewachsen, in kirchlichem Milieu, war Beten mir vertraut; auch das Bittgebet hatte seinen Platz. Ich hatte damit keine Probleme – zunächst jedenfalls, wohl weil es mir gut ging und an nichts fehlte. Erschüttert wurde meine Sicherheit, als der Vater eines Schulfreundes plötzlich starb. Mir wurde bewusst: Gott ist nicht unser „Wunscherfüller“.

Gott schenkt uns den Heiligen Geist

Die Lesungen vom 17. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr C zum Hören finden Sie hier.

Aber ich bin dem Bittgebet treu geblieben. Als die Frau eines befreundeten jungen Mannes, Mutter von zwei kleinen Kindern, an Krebs erkrankte, habe ich gebetet, sie möge wieder gesund werden. Sie ist gestorben. Ich bete weiter. Wir beten um Frieden, aber der Krieg scheint unausrottbar. In Tilbeck beten wir jeden Freitag um Frieden. Manche beten um Regen, um gutes Wetter. Aber Gott ist kein Automat, aus dem man mit dem richtigen Knopfdruck das Gewünschte bekommt. Was meine unerfüllten Wünsche und unerhörten Gebete betrifft, ist mir viel später klar geworden: Gut, dass Gott nicht alle meine Wünsche erfüllt hat. Sie waren nicht sehr erleuchtet. Manche waren auch unerhört!

Was aber meint Jesus, wenn er sagt: Bittet, und es wird euch gegeben. Denn wer bittet, der empfängt? Selbst wenn es bei uns Menschen so wäre, dass der Freund die Bitte seines Freundes erfüllt und der Vater die Bitte seines Sohnes, so lässt sich das doch nicht einfach auf Gott übertragen. Die Erfahrung sagt etwas anderes. Auch Jesus sagt etwas anderes: Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten.

Gott schenkt denen, die ihn bitten, seinen Heiligen Geist. Was kann uns Besseres passieren? Gott gibt uns seinen Geist, wenn wir in der rechten Weise bitten, nicht um dieses und jenes, sondern um das, was wir zum Leben brauchen, was uns guttut. Das ist alles andere als selbstverständlich. Das war es auch für die Jünger nicht. Sie erleben, dass Jesus immer wieder und inständig betet. Sie möchten lernen, wie das geht. Was Jesus ihnen ans Herz legt, hat es in sich.

Zentrale Glaubensgedanken

Wer aufgewachsen ist wie ich in der Volkskirche, dem mag das Vaterunser zur alltäglichen Gewohnheit geworden sein. Ich habe es in meinem Leben (grob gerechnet) an die 80.000 Mal gebetet: Geheiligt werde DEIN Name, DEIN Reich komme, DEIN Wille geschehe. An erster Stelle steht GOTT. Danach die Bitte um UNSER tägliches Brot, um Vergebung, um Bewahrung vor einer Versuchung, die über unsere Kräfte geht, um Erlösung von dem Bösen.

Mit diesen Gedanken sind wir im Zentrum des Glaubens. Die Frage nach der rechten Weise zu beten führt zur Frage, ob das Beten an ein hörendes und antwortendes Wesen gerichtet wird, oder ob es resonanzlos verhallt. Die Zeiten, in denen der Glaube an Gott selbstverständlich zu sein schien, sind vorbei. Christ*innen stehen vor der Frage, ob es einen Gott gibt – entweder weil andere sie fragen, oder weil Gott ihnen selbst zur Frage wird.

Darum glaube ich an Gott

Der Atheist Bertolt Brecht gibt in den Geschichten von Herrn Keuner einen wertvollen Hinweis: Einer fragte Herrn K., ob es einen Gott gebe. Herr K. sagte: „Ich rate dir, nachzudenken, ob dein Verhalten je nach der Antwort auf diese Frage sich ändern würde. Würde es sich nicht ändern, dann können wir die Frage fallenlassen. Würde es sich ändern, dann kann ich dir wenigstens noch so weit behilflich sein, dass ich dir sage, du hast dich schon entschieden: Du brauchst einen Gott.“ Für Christ*innen heißt das: An ihrem Verhalten, an ihrer Lebensweise wird erkennbar, wes Geistes Kind sie sind, oder sie werden bedeutungslos.

Manchmal frage ich mich, wie es kommt, dass ich (noch) an Gott glaube. Meine Antwort: Weil ich Menschen hatte und habe, deren Gottvertrauen mit Händen zu greifen war und ist. Deshalb geht mir auch ein Gebet des evangelischen Pfarrers Kurt Marti nicht aus dem Kopf: „Unser Vater, dein Name werde geheiligt, dein Name möge kein Hauptwort bleiben, dein Name werde Bewegung, dein Name werde ein Tätigkeitswort.“

Sämtliche Texte der Lesungen vom 17. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr C finden Sie hier.

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