„Längerer Atem und Geduld gefragt“

Evonik-Vorstand: Wirtschaft braucht Migranten

„Dynamische Volkswirtschaften sind meist Migrantengesellschaften.“ Mit diesen Worten führte Dr. Klaus Engel in seinen Vortrag „Migration und Solidarität – Integration als unternehmerische Herausforderung“ in der Reihe „DomGedanken“ im St.-Paulus-Dom am Mittwoch (07.09.2016) ein. Industrie und Volkswirtschaft hätten ein logisches Interesse an Einwanderung.

Besonders betonte der Vorsitzende des Vorstands der Evonik Industries AG, dass Unternehmen neben den ökonomischen Aspekten Verantwortung wahrnehmen müssten. „Ein Unternehmen ist ein Teil der Gesellschaft und muss sich natürlich in die Problemlösung solidarisch einbringen“, ist Engel überzeugt. Der soziale Friede helfe einer gesellschaftspolitischen Stabilität auf den Weg, von der die Wirtschaft und alle Arbeitnehmer profitierten. „In der gegenwärtigen Problemlage heißt das deshalb konkret: Wir müssen uns an der Integrationsaufgabe der Migranten beteiligen.“ Wie groß die Aufgabe sei, lasse sich allerdings noch nicht absehen.

Betriebseigene Integrationskurse

Der Arbeitskräftebedarf und das Angebot klafften allerdings auseinander. Gesucht würden gut ausgebildete Fachkräfte, die unter den Migranten zunächst kaum zu finden seien. „Deshalb sind ein längerer Atem und Geduld gefragt. Schnelle Erfolge wird es kaum geben“, sagte Engel. Deutschland brauche aufgrund der zunehmenden Alterung der Gesellschaft junge Menschen. „Insofern ist der Zuzug auf dem Wege der Migration für mich bei allen gewiss nicht geringen aktuellen Schwierigkeiten auch eine gute Nachricht“, meinte Engel.

An einem Beispiel aus seinem Unternehmen verdeutlichte er die Integrationsbemühung, die schon aus ethischen Gründen geboten sei. Gemeinsam mit Sozialpartnern der Chemischen Industrie richtete Evonik eigene Integrationskurse ein, in denen junge Menschen mit Sprachkursen und anderen Unterrichtseinheiten darauf vorbereitet wurden, einen Ausbildungsplatz zu erhalten. „Mehr als zwei Drittel der Teilnehmer lag im Juni bereits ein Ausbildungsplatzangebot vor“, freute sich Engel über den Erfolg des Angebots, auch wenn „wir damit sicher nur einen kleinen, bescheidenen Beitrag leisten. Doch wenn jeder einen solchen Beitrag leisten würde, wären wir gemeinsam schon ein großes Stück weiter.“

Forderung nach Einwanderungsgesetz

Ein vernünftiges Einwanderungsgesetz sei in Deutschland notwendig, bei dem die oberste Maxime sein müsse, „die Einwanderung so zu gestalten, dass sie der wirtschaftlichen und damit auch der sozialpolitischen Leistungskraft und dem sozialen Frieden unseres Landes nicht schadet. Denn diese innere Kraft und Ausdruck unserer besonderen Solidarität ist es, die uns überhaupt in die Lage versetzt, kraftvoll zu helfen“, betonte Engel.

Doch nicht nur die aufnehmende Gesellschaft müsse sich anstrengen, um aus der so genannten Flüchtlingskrise einen Gewinn für alle zu machen, sondern auch die Migranten selbst dürften sich nicht verweigern. Die vorrangige Voraussetzung für die Integration seien Sprachkenntnisse. Zudem sei der Ausbildungswille wichtig. „Solche Sprach- und Integrationsangebote sind eine Holschuld, die man von jedem Migranten erwarten kann. Aber er hat auch eine Bringschuld. Zum Beispiel, sich in die friedliche Grundstruktur unserer demokratischen und offenen Gesellschaft einzufügen und sich ausdrücklich in Gewaltverzicht zu üben“, stellte der promovierte Chemiker klar.