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Borkener fördert Friedhofskultur in Deutschland

Experte Andreas Mäsing fordert Abschaffung der Friedhofsgebühren

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Auch wer nicht an das Weiterleben der Seele glauben kann oder mag, erlebt den Friedhof oft als einen tröstlichen Ort mit seinen Bildwerken, Blumen und Bäumen. Doch die herkömmliche Friedhofskultur mit der Pflege von Gräbern wird nicht mehr überall geschätzt, meint Andreas Mäsing aus Borken. Der Vorsitzende des Vereins zur Förderung der deutschen Friedhofskultur möchte daher neue Wege der Gedenkkultur eröffnen, damit das Kult- und Kulturgut Friedhof eine Zukunft hat.

„Am besten wäre es, wenn die Friedhofsgebühren abgeschafft werden“, sagt Andreas Mäsing bei einem Rundgang über den großen Hauptfriedhof in Gelsenkirchen. Dass eine Beerdigung immer mehr zu einer Frage des Geldbeutels geworden ist, ärgert ihn: „Unsere Friedhofskultur leidet. Das kann nicht unser christlicher Auftrag sein.“

Seit zehn Jahren ist Mäsing Vorsitzender des Vereins zur Förderung der deutschen Friedhofskultur und seit 28 Jahren Geschäftsführer der Friedhofsgärtner Gelsenkirchen. Der Gartenbau-Ingenieur aus Borken möchte mit seinem Verein darlegen, wie vielfältig der Friedhof heute schon geworden und es sinnvoll ist, diesen zu erhalten.

Feuerbestattungen im Trend

„Alles hat seinen Preis. Die Kostenfrage beschäftigt Kommunen wie die kirchlichen Träger. Aber es kann nicht sein, dass das Sterben zur Klassenfrage wird und der Friedhof als lebendiges Kulturgut bedroht wird“, sagt Mäsing und legt nach: „Der Friedhof ist kein Ort für die Gebühreneinnahme, sondern ein Verkündigungsort, ein Gemeinschaftsort.“

Schon seit einigen Jahren betrachtet Mäsing mit Sorge, wie die Kommunen, aber auch die kirchlichen Träger auf den Trend der Feuerbestattungen reagieren: „Man wird den Friedhof nicht retten, indem man die ohnehin schon teuren Erdbestattungen noch teurer macht und die günstigeren Urnengräber auf das Preisniveau von Sargvarianten hebt.“

Wettbewerb auf dem Bestattungsmarkt

Vor einigen Jahren, als die Friedwälder mit günstigen Preisen den Wettbewerb auf dem Bestattungsmarkt anheizten, warnte Mäsing vor einer Entwicklung, die den klassischen Friedhof gefährdet: „Die ständigen Gebührenerhöhungen haben den Friedwald und die günstigeren Feuerbestattungen erst attraktiv gemacht. Den Städten und Gemeinden fehlt so das Geld für die Instandhaltung der Friedhöfe. Die Folge ist: Die Gebühren müssen weiter angehoben werden.“

Hinzu kommt, dass viele Friedhöfe letztlich zu groß geworden sind. Mäsing nennt als Beispiel den 40 Hektar großen Gelsenkirchener Hauptfriedhof, „ein kleines Dorf mit 40.000 Wohnungen", wie er sagt. Ganz Gelsenkirchen hatte 1970 mal 5200 Sterbefälle, da hatte Gelsenkirchen 400.000 Einwohner. Heute sind es 3200 Sterbefälle, weil Gelsenkirchen nur noch 260.000 Einwohner hat. Daraus ergibt sich der große Überhang in Kombination mit immer kleineren Gräbern. Die Folge sind viele freie Flächen auf den Anlagen.

Ruhestätte als „Kirche ohne Mauern“

„Lange Zeit sah es so aus, als sterbe der Friedhof den langsamen Tod der Bedeutungslosigkeit“, sagt der Borkener. Dieser Trend scheint gebrochen. Mäsing sieht positive Ansätze, den Friedhof, den er als „Kirche ohne Mauern“ bezeichnet, wieder in die Mitte der Gesellschaft zu holen.

Für ihn ist der Friedhof nicht nur ein Ort der Ruhe und Trauer. „Er spendet auch frische Luft und bietet zahlreichen Arten mit seinen Biotypen Lebensraum“, verweist Mäsing auf den ökologischen Charakter der Ruhestätten.

Friedhöfe wie „grüne Inseln“

Dank der zusammenhängenden Grünflächen seien Friedhöfe wie „grüne Inseln“. Sie übten eine wichtige Ausgleichsfunktion für das Stadtklima aus und wirkten der Luftverschmutzung entgegen. „Der Erhalt der Friedhöfe als ökologische Nische in unserer belasteten Umwelt ist dringend erforderlich“, meint Mäsing.

Es waren diese Gründe, warum sich im Jahr 2000 der Verein zur Förderung der deutschen Friedhofskultur gegründet hat. „Wir wollten und wollen eine Diskussion darüber anstoßen, was sich ändern müsste, damit der Friedhof in unserer modernen Gesellschaft wieder einen positiven Stellenwert bekommt“, sagt der Vereinsvorsitzende.

Antwort auf anonyme Bestattungen

Und es gibt ein positives Beispiel: In der Regel sehen ordnungsbehördliche Bestattungen keinen Grabstein vor. Mit dem anonymen Rasengrab verlieren die Verstorbenen ihren Namen – und das nicht aus freier Entscheidung.

Das will der in Gelsenkirchen aktive Verein „Ruhe-Steine“, in dem viele kirchlich Engagierte mitarbeiten, nicht hinnehmen: Der Verein möchte nicht, dass Menschen, weil sie arm und oder einsam gestorben sind, namenlos werden.

Deshalb erhält jeder dieser Verstorbenen einen Grabstein, auf dem sein Name sowie das Geburts- und Sterbedatum eingraviert wird. „Diese Aktion wird ausschließlich über Spenden finanziert. Verschwindet ein Name, schwindet auch die Erinnerung. Das darf in einer menschlichen Gesellschaft nicht sein“, sagt Mäsing.

Friedhof als immaterielles Kulturerbe

Als im vergangenen Jahr, am 13. März 2020, die deutsche Friedhofskultur zum sogenannten immateriellen Kulturerbe ernannt wurde, war dies eine besondere Auszeichnung für all diejenigen, die dieses Erbe der gemeinsamen Kultur lebendig halten. Das „immaterielle Kulturerbe Friedhofskultur“ bedeutet die Aufnahme in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes.

Gewürdigt wurden das Zusammenspiel der Friedhofsgestaltung mit dem Beisetzungsritual, die Trauer- und Erinnerungskultur sowie die kleinen Gärten der Erinnerung, also die individuell gestalteten Grabstätten in Vergangenheit und Gegenwart. „Kultur bleibt nie stehen. Sie soll es auch nicht. Friedhöfe sind immer auch Zeugnisse gesellschaftlicher Entwicklungen“, betont Mäsing. Nicht zuletzt verbreiteten sie eine Ahnung von Ewigkeit.

Kulturelle Vielfalt

Der Verein zur Förderung der deutschen Friedhofskultur setze sich neben der Kulturpflege ebenso für den Dialog der Religionen ein, der in einer multikulturellen Gesellschaft vonnöten sei, sagt der Vorsitzende. Schließlich gelte es, „dass unsere Friedhöfe Orte eines lebendigen immateriellen Erbes bleiben“.

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