Früherer UN-Sonderberichterstatter im Interview

Experte Bielefeldt: Welt ohne Religionen ist nicht friedlicher

Die Vorstellung, eine religionsfreie Welt sei friedlicher als eine mit Religionen, hält der frühere UN-Sonderberichterstatter Heiner Bielefeldt für „eine riesengroße Illusion“. In einem Interview mit den Bistumszeitungen „Kirche+Leben“ aus Münster und „Kirchenbote“ aus Osnabrück sagte Bielefeldt: „Wer auf eine religionsfreie Welt abzielt, wird letzten Endes den Menschen nicht gerecht werden.“

Bielefeldt war von 2010 bis 2016 Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für Religions- und Weltanschauungsfreiheit und ist jetzt Professor für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik an der Universität Erlangen. Er äußerte sich anlässlich des Weltfriedenstreffens der katholischen Gemeinschaft Sant’Egidio in Münster und Osnabrück vom 10. bis 12. September. Dazu erscheint eine Beilage in „Kirche+Leben“ und im „Kirchenboten“ (Ausgabe vom 3. September).

Zeit nehmen zum Kennenlernen

Bielefeldt sagte, Religionen könnten dann friedensstiftend wirken, wenn sich deren Vertreter Zeit nähmen, einander zuzuhören. „Dann besteht die Chance, dass man sich wirklich kennenlernt“, unterstrich der Wissenschaftler. „Und dann kann es nicht so schnell passieren, dass völlig abstrakte Verschwörungsvorstellungen und Hassprojektionen einfach durchmarschieren.“

Kurze Begegnungen oder reine Fototermine seien dagegen ebenso wenig erfolgversprechend wie unrealistische Zielvorstellungen: „Es spricht viel dafür, sich eher praktischen Themen zu widmen.“ Das könne zum Beispiel die Bekämpfung der Malaria sein.

Terroranschläge und Religion

Der Menschenrechts-Professor wandte sich gegen die Vorstellung, religiös motivierte Anschläge hätten mit Religion überhaupt nichts zu tun. Diejenigen, die in den Religionsgemeinschaften Verantwortung trügen, „können sich so billig dann doch nicht herausreden“. Sie müssten sich kritisch mit der historischen und gegenwärtigen Gewaltverstrickung auseinandersetzen.

Heftige Kritik übte Bielefeldt an den Thesen des Philosophen Peter Sloterdijk, der dem Judentum, dem Christentum und dem Islam eine „Pflicht zur Grausamkeit“ bescheinigt. Dies sei „platt“ und „schon fast unerträglich“, sagte der Professor. „Am Ende wirkt es dann fast so, als wären die Juden als die Erfinder des Monotheismus selber schuld am Holocaust.“ Sloterdijk fehle jede Bereitschaft, sich auf Religion differenziert einzulassen. Über seine Thesen „muss man einfach den Kopf schütteln“, sagte Bielefeldt.