Viel Lob für das Schreiben „Amoris laetitia“ in Münster

Experten: Papst stellt Lehre zur Ehe „vom Kopf auf die Füße“

Viel Lob hat das Papstschreiben „Amoris laetitia“ am Montagabend in der Bistumsakademie Franz-Hitze-Haus in Münster geerntet. Der Kirchenrechtler Martin Zumbült lobte, der Papst stelle die katholische Ehelehre „vom Kopf auf die Füße“ und schaue auf Gewissen und Wirklichkeit statt auf unerreichbare Ideale. Die Journalistin Christiane Florin würdigte, die bisherige Lehre sei „unter Druck“ geraten.

Florin, Redakteurin beim Deutschlandfunk, sagte, Franziskus nehme in dem Text „Sie und mich ernst, und das ist revolutionär“. Der Papst spreche nicht mehr von oben herab, sondern bitte darum, als Gesprächspartner und Eheberater ernst genommen zu werden.

Die „Ehe-Experten“ der Kirche leben allesamt zölibatär

Mit Blick auf die Ehe als katholisches Ideal formulierte Florin spitz: „Profis“ für die Ehe seien in der Kirche Priester, Bischöfe, Kardinäle und der Papst – also allesamt Zölibatäre. Die Befragung der Gläubigen vor der Weltbischofssynode zur Familienpastoral habe aber „die Beweislast umgekehrt“. Nun hätten sich nicht mehr jene rechtfertigen müssen, die nicht das Ideal leben können, sondern „die, die wissen, wie es ist“.

Je mehr die Ehe aus der Mode gekommen sei, desto mehr habe die Kirche sie auf den Sockel gehoben. Früher hätten katholische Eheleute die Autorität und Ehelehre der Kirche akzeptiert. Heute aber stelle die Kirche für die meisten Menschen nicht nur keine Autorität mehr dar, sondern nicht mal mehr ein Gegenüber.

„Als ob der Papst selbst verheiratet wäre“

„Amoris laetitia“ habe das Verhältnis von Wirklichkeit und Norm verändert, sagte Florin: „Man könnte bei diesem Schreiben denken, Papst Franziskus wäre selbst verheiratet.“ Er nehme die Liebe ernst und werbe für die Ehe: „Allerdings kommt das spät, vielleicht zu spät.“

Diskutierten im Franz-Hitze-Haus (von links): Christiane Florin, Moderator Frank Meier-Hamidi und Martin Zumbült.
Diskutierten im Franz-Hitze-Haus (von links): Christiane Florin, Moderator Frank Meier-Hamidi und Martin Zumbült. | Foto: Gerd Felder

Martin Zumbült, Richter am Bischöflichen Offizialat, dem kirchlichen Ehegericht in Münster, sieht in dem Papst-Text ein „lehramtliches Erdbeben zur Erschütterung vermeintlicher Gewissheiten“. Franziskus gewichte die Lehre der Kirche neu und betone „die Entscheidung des Gewissens“.

„Lehre von der Barmherzigkeit bekommt verbindliche Struktur“

Auch bei einer Abweichung von der kirchlichen Lehre bleibe nach „Amoris laetitia“ die volle Gemeinschaft mit der Kirche möglich. Zumbült verwies auf Kirchenrechts-Kanon 916, wonach jeder – auch wiederverheiratete Geschiedene – vor dem Empfang der Kommunion das Gewissen prüfen müsse, ob er oder sie eine schwere Sünde begangen habe: „Durch Papst Franziskus bekommt die Lehre von der Barmherzigkeit eine verbindliche Struktur.“

Die Menschen seien aufgerufen, ihre Gewissen zu bilden, und das kirchliche Lehramt solle dabei helfen, sagte der Kirchenrechtler. Er lobte, der Papst stimme „kein Lamento über die Verderbtheit der Welt“ an, sondern übe massive Selbstkritik an der Kirche und am Lehramt.

„Weg von der Bettkantenmoral“

Auch die Familienplanung sei einzig und allein Sache der Ehegatten und Gegenstand ihrer Gewissensentscheidung. Damit gebe es auch kein kategorisches Verbot künstlicher Empfängnisverhütung mehr, interpretierte Zumbült.

„Amoris laetitia“ habe auch eine Entsexualisierung der Moraltheologie gebracht und die Würde der Person in den Mittelpunkt gerückt: „Das ist ein Einstieg in den Ausstieg von der Schlüsselloch- und Bettkantenmoral.“