Verbandspräsident Stefan Becker im „Kirche+Leben“-Interview

Familienbund: Jedes Gesetz auf Familien-Verträglichkeit prüfen

Eine „Familien-Verträglichkeitsprüfung“ vor jedem Gesetzgebungsverfahren fordert der Familienbund der Katholiken. Im „Kirche+Leben“-Interview bilanziert Präsident Stefan Becker auch die Delegiertenversammlung des Verbands in Münster.

„Kirche+Leben“: Herr Becker, Familien wandeln sich. Neben das Modell mit verheirateten Eltern treten unverheiratet zusammenlebende Eltern, Alleinerziehende, zivil Wiederverheiratete – und nun können auch Homosexuelle zivil heiraten. Was folgt daraus?

Stefan Becker: Zunächst gilt es festzuhalten, dass in Deutschland noch immer weit über zwei Drittel aller Kinder in Familien leben, in denen die Mutter und der Vater der Kinder miteinander verheiratet sind. Aber es stimmt: Familie ist nicht mehr so einheitlich wie vor 20 Jahren. Das hat Folgen: Wenn wir Familien fördern wollen, dürfen wir Hilfen und Sozialleistungen nicht allein vom Status der Eltern abhängig machen. Wir müssen auch „vom Kind her denken“.

Wie zum Beispiel?

Bei der Bundesdelegiertenversammlung des Familienbunds in Münster haben wir beschlossen, eine Kindergeldreform zu fordern. Das Kindergeld und der Kinderzuschlag für Geringverdiener sollten zusammengelegt werden. Selbst das Bundesfamilienministerium gibt zu, dass bislang nur 30 Prozent der Familien, die Anrecht auf den Kinderzuschlag hätten, diese Unterstützung tatsächlich in Anspruch nehmen. Das Antragsverfahren ist einfach zu kompliziert und die Anspruchsvoraussetzungen sind kaum verständlich. Damit alle Familien und vor allem alle berechtigten Kinder diese Leistung erhalten, fordern wir, Kindergeld und Kinderzuschlag unbürokratisch zusammenzulegen. Damit stiege das Kindergeld für untere Einkommen auf 362 Euro pro Monat.

Wie gehen Sie als katholischer Verband mit der Vielfalt der Familienformen um?

Stefan Becker ist Präsident des Familienbunds der Katholiken. | Foto: Jens Joest
Stefan Becker ist Präsident des Familienbunds der Katholiken. | Foto: Jens Joest

Wer vom Kind her denkt, denkt an die Familie. Das heißt für uns: Das Kind soll in einem stabilen Umfeld und ohne Armut aufwachsen können, und zwar in jeder Familie. Familie ist da, wo Menschen generationenübergreifend und dauerhaft Verantwortung für Angehörige übernehmen – bei der Erziehung von Kindern, aber auch bei der Pflege in Familien. Auch als katholischer Verband tun wir deshalb gut daran, Politik für alle Familien zu machen. Aber gleichzeitig werben wir für das Besondere einer Familie, die auf einer sakramentalen Ehe gegründet ist. Durch die Einführung der Zivilehe „für alle“ müssen wir meines Erachtens den Wesenskern des kirchlichen Ehesakraments stärker deutlich machen – aber auch für andere Formen des Zusammenlebens neue liturgische Formen finden.

Was halten Sie davon, das Wahlrecht zu Gunsten der Familien zu verändern?

Es gibt schon lange Überlegungen, das Wahlalter zu senken oder Stimmen von nicht wahlberechtigten Kindern auf ihre Eltern zu übertragen. Wir sind nicht sicher, ob das viel bringen würde. Es gibt Studien, die zeigen, dass sich das Stimmenverhältnis der Parteien bei einer Wahl kaum ändern würde. Ich persönlich glaube auch, dass sich die inhaltlichen Schwerpunkte nicht wesentlich verschieben würden. Ich halte deshalb eine Wahlrechtsreform, für die zudem eine Verfassungsänderung Voraussetzung wäre, für nicht zielführend. Wir als Familienbund setzen uns vielmehr dafür ein, dass die gewählten Interessenvertreter schon heute begreifen, dass Kinder unsere Zukunft sind und eine entsprechend kinder- und familiengerechte Politik gemacht werden muss.

Wie bewerten Sie die Idee, Kinderrechte ausdrücklich ins Grundgesetz aufzunehmen?

Kinder können sich schon heute auf das Grundgesetz berufen, für sie gelten die gleichen Grundrechte wie für alle. Ich glaube, viel entscheidender sind die vielen Gesetze und Verordnungen, die immer noch zu wenig Kinder und Familien im Blick haben und so zu Ungerechtigkeit führen. Ich wünsche mir, dass es vor jedem Gesetzgebungsverfahren eine „Familien-Verträglichkeitsprüfung“ gibt. Dass ausdrücklich geschaut wird, welche Auswirkungen das Gesetz für Familien hat, und dass gegebenenfalls nachjustiert wird.

Wo sind denn Verbesserungen nötig? Was sollte etwa eine neue Bundesregierung anpacken?

Unserer Meinung nach muss vor allem endlich begriffen werden, dass Familien Zeit füreinander brauchen und in dieser Zeit wichtige Sorgeaufgaben übernehmen, von denen auch der Staat und die Gesellschaft profitieren. Familien kümmern sich vorbildlich um pflegebedürftige Angehörige. Es muss deshalb sichergestellt sein, dass pflegende Familienangehörige, wenn sie beruflich kürzer treten, finanziell besser abgesichert werden. Niemand darf Angst davor haben, im Alter arm zu sein, weil er sich um Familienangehörige gekümmert hat. Und da, wo Familien externe Angebote in Anspruch nehmen, müssen diese auch qualitativ gut sein. Das gilt auch für die Kindertagesbetreuung, in deren quantitativen Ausbau viel investiert worden ist. Jetzt muss es endlich um Qualität gehen – also vor allem um Investitionen beim Personal.